Die Composings von Tom Krieger zieren große Werbekampagnen, er arbeitet für Kunden und Agenturen rund um den Globus. Wir haben mit ihm über Realismus und CGI gesprochen, nebenbei hat er uns von Zeiten erzählt, in denen er noch mit Airbrush, Pinsel und riesigen Papier-Mappen gearbeitet hat.

"Taupunkt" - Illustratives Matte Painting mit fotografischer Vorlage
Taupunkt” – Illustratives Matte Painting mit fotografischer Vorlage

Du bezeichnest dich selbst als Fotoillustrator, das heißt, bei dir kann auch mal ein größerer Teil des Bildes aus dem CGI-System kommen und nur ein kleiner Teil fotografisch umgesetzt sein, oder?

Ja, wobei Illustration nicht gleich CGI bedeutet. Das resultiert daraus, dass ich noch über zehn Jahre lang klassisch gemalt habe. Damals habe ich für Aufträge noch gepinselt und mit der Airbrush-Pistole gearbeitet – da gab es für mich noch gar keinen Rechner. Erst um die Jahrtausendwende habe ich mit Photoshop und Co. angefangen, mein Schaffen hat sich dann digital verlagert. Dabei hat auch die Fotografie einen neuen Stellenwert eingenommen. Was bis dato nur Vorlagen-Geknipse war, hat sich dahin gewandelt, dass ich die Fotos heute direkt nutze. Deswegen Fotoillustration.

Häufig ist der künstlerische Look ja gefragt, sprich 100 % Realismus ist gar nicht nötig, oder?

Es hängt immer vom Auftrag ab. Für das Weihnachtsmotiv eines großen Elektronikherstellers musste ich kürzlich den Look der aktuellen Kampagne aufgreifen, der war sehr nah am realen Foto. Gleichzeitig war das vorgegebene Motiv fotografisch nur schwer umzusetzen, vor allem nicht in der Zeit. Also kombiniere ich einfach mehrere Fotos. Auf der anderen Seite gibt es auch Aufträge, bei denen der Look durchaus etwas illustrativer sein soll, hier entferne ich mich dann bewusst wieder etwas vom Foto. Das mache ich aber nicht über Plug-Ins oder so, sondern habe eigene Techniken entwickelt.

"Modern Cowshed" für GEA Farm Technologies.
Modern Cowshed” für GEA Farm Technologies.

Du weißt also schon vorher, wie “echt” das Motiv wirken soll?

Auf jeden Fall, klar. Ich habe etwa 80 bis 90 % Auftragsarbeiten, der Rest sind freie Projekte. Die Kunden bestimmen daher in meiner täglichen Arbeit den Realismusgehalt im Bild. Da baue ich dann je nach Wunsch auch CGI-Anteile ein – oder lasse mir welche basteln, ich selbst mache fast kein CGI, das übernehmen andere für mich. Dafür arbeite ich gerne im Team mit freien 3D-Spezialisten zusammen, weil die Motive der Werbeagenturen sehr oft solche Inhalte verlangen, schon rein aus zeitlichen Gründen. Während der 3D-Spezi rendert, kann ich schon am Motiv weiterarbeiten.

Häufig setzt man ja auch nicht ein wirkliches Bild um, sondern muss ein Thema visualisieren. Hier bin ich dann sehr frei und man sieht dann auch sofort, dass das eben nicht nur fotografiert wurde. Gerade das Lösen vom hohen Fotoanteil macht diese Arbeiten so spannend. Ich vergleiche das gerne mit einem guten, realistischen Gemälde: Das betrachten wohl auch die meisten mit einem unbewusst positiven Gefühl, Menschen werden von Gemälden beinahe angezogen, genau wie jeder einfach gerne auf’s Wasser schaut.

Häufig beeindruckt ein Gemälde ja auch, weil dem Betrachter klar wird, wie viel Arbeit das gemacht hat…

Genau, das ist auch der Kern meiner Bilder und meines Anspruchs. Da muss man dann auch wieder die Schritte zurückgehen und die Basics drauf haben und wissen, wie Licht und Perspektive funktionieren. Wenn diese kleinen, aber wichtigen Faktoren stimmen, dann geht man auch den richtigen Weg weiter und kann irgendwann seine eigenen Ideen darstellen.

Wo hast du diese Basics gelernt?

Ich habe mal ein paar Semester Grafikdesign studiert, aber das war keine klassische Zeichenschule. Da musste ich mir am Abend und am Wochenende die Techniken draufschaffen, denn in den Vorlesungen ging es eher theoretisch um visuelle Kommunikation. Das unglaublich umfangreiche Handwerk habe ich mir damals selbst beibringen müssen. Heute hat sich das komplett gewandelt durch Online-Trainings und Tutorials, die man an jeder Ecke findet.

Mal eben nen lila Hummer malen? Kann er auch... von wegen Basics ;)
Ein Gemälde von einem gemalten lila Hummer, der selber malt? Kann er auch… Basics eben 😉

Unter anderem auch von dir…

Ja, und das ist auch gut so. Ich hätte mir zu meiner Anfangszeit so etwas gewünscht. Kurse zu Fotorealismus mit Airbrush und Pinsel gab es einfach nicht. Da musste ich mich monatelang auf den Hintern setzen und Bilder malen, jeden Tag bis nachts um Drei. Da habe ich meinen Ehrgeiz entwickelt, wollte mich von Bild zu Bild verbessern. Mit den ersten zehn Bildern unter dem Arm bin ich dann in meinem alten, rostigen Kombi durch Deutschland gereist und habe Input von erfahrenen Illustratoren gesucht. Heute bittest du jemanden per Mail, mal einen Blick auf den Portfolio zu werfen. Damals bin ich quer durch die Republik gefahren, nur um eine Stunde mit jemandem zu sprechen, der ein erfahrenes Auge und vielleicht noch ein paar Tipps für mich hatte.

Kann sich heute keiner mehr vorstellen…

Sollte man aber! Wenn heute in München ein total interessanter Workshop stattfindet, dann kann man doch auch mal von Hamburg aus anreisen und sich das reinziehen. Wenn dann aber jemand kommt und sagt, das wäre aber ja so weit weg, dann hat er die Idee des Ganzen noch nicht wirklich begriffen.

Die Zukunft sehen viele in einer Kombi aus Fotografie, PS und CGI, du bist da schon voll dabei. Was sagst du Leuten, die auf „Out of Cam“ schwören und starke Nachbearbeitung verteufeln?

Naja, es kommt drauf an, um was es geht. Wenn du davon leben willst, kommst du nicht drum rum. Jeder Fotograf muss heute via Bildbearbeitung kleinste Nuancen im Bild steuern können, einfach weil die Agenturen das wollen. Da hat sich auch die Branche gewandelt, jeder Illustrator muss heute digital arbeiten, auch wenn er sonst gerne mit Bleistift zeichnet. Inzwischen setzt der Art Director der Agentur, die dich beauftragt, einfach voraus, dass du ihm das Schiff im Hintergrund nach dem ersten Entwurf per 3D-Technik noch mal ein bisschen weiter drehst. Da kannst du dann nicht anfangen, ein neues Bild zu malen. Und genauso muss ein Fotograf seine Bilder bearbeiten können. Will er das nicht, muss er sich eine Branche suchen, in der das nicht nötig ist.

Für Puristen nicht möglich: "GOLD" für ökumenische Kampagne, Schweiz.
Für Puristen nicht zu machen: “GOLD” für ökumenische Kampagne, Schweiz.

Hast du denn eine Grenze, die definiert, was fotografisch passieren muss?

In der Regel weiß ich ja schon vorher, was ich will und danach fotografiere ich dann auch. Ich muss natürlich wissen, was ich wie fotografiere, um mir später die Arbeit so leicht wie möglich zu machen. Für ein aktuelles Projekt ist mir die Landschaft vorgegeben, da muss ich die Details im Studio dann so fotografieren, dass alles übereinstimmt: Ich simuliere beispielsweise die Sonne, indem ich Licht an die richtigen Stellen setze, was mir später beim Zusammenbauen dann vieles erleichtert.

Composing ist viel Detailarbeit, man muss viele Dinge im Auge behalten. Zeigst du deine Arbeiten während des Prozesses jemandem, um Betriebsblindheiten aufzudecken?

Nein. Bei Auftragsarbeiten habe ich eine Abstimmungsphase – früher ist man da mit A1-großen Mappen zum Präsentationstag in die Agentur gefahren. Da standen dann Chefs, Kunden und Art Directoren mit gespanntem Blick und du hast das Tuch von den Entwürfen gezogen. Dann gab’s entweder das große “WOW – wie geht denn sowas” oder es gab “noch so ein paar Kleinigkeiten” zu klären.

Heute bekomme ich ja schon ein sehr gutes Layout zum Auftrag, zudem ein sauberes Briefing, wodurch die Skizzenphase fast komplett wegfällt. Zum Ende gibt’s dann zwei bis drei Abstimmungssteps, wodurch ich mich den Wünschen des Kunden annähere. Während dieser Phase entdecke ich dann auch meine eigene Blindheit wieder.

Bei freien Arbeiten ist es dagegen wichtig, dass man ein Bild mal auf die Seite legt. Oder man hilft sich, indem man das Bild einfach häufig spiegelt, des erzeugt einen neuen Blick und hilft ungemein. Wenn die PS-Datei mal wieder über ein Gigabyte groß ist, dann dauert das für einen schnellen Kontrollblick manchmal aber zulange, daher habe ich mir einen klassischen, hochwertigen Spiegel besorgt. Wichtig ist, dass dieser auf der Vorderseite bedampft ist, solche werden etwa bei Episkopen eingesetzt – recht teures Zeug leider. Da schaut man dafür aber nicht mehr durch Glas und das Ganze ist gestochen scharf. Solche Hilfsmittel erkläre ich auch in meinem Gratis-Training.

Das mit dem Auf-die-Seite-legen ist dir ja schon mal versehentlich passiert. Für das Making-Of eines Composings hast du das Motiv einfach noch mal durchexerziert, wobei dir das zweite Ergebnis fast besser gefallen hat.

Stimmt! Das ist auch ein Thema, das ich in meinen bald erscheinenden Coachings mit drin habe. Gerade wenn man nicht ganz so viel Erfahrung mit Composings hat und schon viel im Bild rumgewerkelt wurde, ist es oft hilfreich, sich das ganze Projekt einfach noch mal neu vorzunehmen. Denn nur so erkennt man eigene Erfolge: Wenn ich sehe, so habe ich es vorher gemacht, jetzt aber so, was gefällt mir dann besser? Der direkte Vergleich hilft hier unheimlich beim Entwickeln des eigenen Könnens. Beginnt man dagegen ein komplett neues Motiv, sehe ich nicht, ob ich besser geworden bin, da die Herausforderungen ganz anders sind.

Tom Krieger Apology
Apology“… Neues gleiches Bild mit frischen Augen.

Menschen fotorealistisch zu rendern gilt noch als schwierig für CGI, sie wirken immer noch zu unnatürlich. Das würde aber Shootings, Make-Up, Ausleuchten, korrekte Posen usw. überflüssig machen. Hast du hier Ambitionen, so etwas zu verwenden wenn es möglich wird, oder muss der Mensch weiter „echt“ bleiben?

Ich sehe da enormes Potential, auch ich schaue oft und gerne über den eigenen Tellerrand. CGI wird natürlich nicht die Portraitfotografie ablösen. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass das etwa für Kinoplakate oder ähnliches genutzt wird, einfach weil man es dort nicht mehr erkennen kann. Denn diese Teile werden ja wiederum in ein Composing integriert. Hier ist es sogar sehr von Vorteil.

Wir haben das auch in einem Artikel schon mal aufgedröselt, das eben bei Beautyshootings die Modelle austauschbar sind, da es ja eigentlich um das Kleid oder den Hut auf dem Bild geht. Hier könnte das ebenfalls funktionieren…

Ja, natürlich. Wenn man es denn genauso schnell rendern kann. Das ist heute noch der große Knackpunkt, ein Shooting ist da heute einfach viel simpler und günstiger zu machen. Wer weiß aber, wo die Reise in fünf oder zehn Jahren hingeht? Der Weg führt definitiv in diese Richtung.

Du machst auch viele freie Projekte. Brauchst du das, um auch mal unverkrampft an Sachen herangehen zu können und um neues auszuprobieren?

Ja, das habe ich auch schon früher in der Malerei so gemacht. Ich bin immer zweigleisig mit Aufträgen und freien Projekten gefahren. Warum? Weil man auch mal den Kopf frei bekommen und sich von der werbelastigen Arbeit lösen muss. Die Werbung ist ja eine sehr beeinflussende Branche, da brauche ich einen Gegenpol. Wenn man das zeitlich und auch mental hinbekommt, ist das ein sehr wichtiges Element. Früher war das natürlich etwas einfacher, als man noch keine eigene Familie und somit viel weniger Verpflichtungen hatte. Ich versuche aber das Gleichgewicht zu halten.

Freie Arbeit "The Glowworm Secret".
Freie Arbeit “The Glowworm Secret“.

Die Zeit für den vorhin erwähnten Anteil von 10 bis 20% an freien Arbeiten nimmst du dir also bewusst oder machst du das, wenn eben mal Luft ist?

Ich nehme mir auf jeden Fall bewusst Zeit, obwohl ich den Anteil noch als viel zu gering erachte. Daher mache ich da künftig auch wieder viel mehr. Deswegen habe ich das erste Training ja auch für lau rausgehauen, um auch zu zeigen, was ich hier künftig für eine Qualität anbieten will. So kann ich den Workflow von freien Arbeiten dokumentieren und gleichzeitig anderen noch etwas beibringen.

Wie planst du deine Bildideen? Gehst du einfach ran und siehst, was passiert oder hast du eine Checkliste, nach der du vorgehst?

Wenn mir eine Idee vorschwebt, schreibe ich die meistens auf – die Liste ist inzwischen riesig. Die Herangehensweise ändert sich aber oft: In der Skizzenphase nutze ich oft viele neue Möglichkeiten oder ich schaue mir einfach mein Fotoarchiv an, viele Ideen habe ich ja auch schon mit Modellen umgesetzt. Dabei kommen mir dann häufig neue Ideen. Gerade bei freien Projekten ist das wichtig, da hat man ja kein Briefing oder so und muss die ersten Schritte selbst gehen. Für Ungeübtere kann aber auch hier eine eigene Struktur helfen, nach der man jedes Mal vorgeht. Hat man dann irgendwann einen etwas höheren Level erreicht, kann man da auch mal abweichen, denn dann hat man schon eine eigene Konsequenz entwickelt und weiß, wie man eine Idee an den Start bekommt.

Was hast du künftig noch so vor?

Viel! Ganz unmittelbar möchte ich meine Videotrainings und Online-Coachings ausbauen. Ich will Leuten individuell helfen, über einen festen Zeitraum zu einem bestimmten Ziel zu kommen.

Die Rechte an allen Bildern im Artikel liegen bei Tom Krieger.

tom_portrait_rund_600pxTom Krieger ist Fotoillustrator und lebt am Rand von Hamburg, eigentlich schon in Schleswig-Holstein. Der 50-jährige hatte zu Beginn seiner Laufbahn noch Airbrush-Pistole und Pinsel in der Hand, kam mit der Jahrtausendwende aber im digitalen Zeitalter an. Seine Composings und Illustrationen überzeugen weltweit Kunden aus unterschiedlichsten Sparten. Hier kann man Tom verfolgen: Facebook, Twitter, Instagram

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