Wer mich kennt weiß es schon: Ich mag Dodge&Burn und diese Technik macht etwa 50% meiner Retusche-Zeit aus. Grund genug, einen ausführlichen Artikel darüber zu verfassen.

Was ist Dodge&Burn?

Im deutschen nennt man die Technik Abwedeln und Nachbelichten – und damit ist das nur für die alten Hasen der Analogbild-Dunkelkammer-Entwicklung wirklich aussagekräftig.
Dort kommt das ganze nämlich her – D&B ist also schon eine sehr sehr alte Technik. Damals wurden im Belichtungsprozess Teile des Bildes länger bzw. kürzer belichtet als der Rest. Dadurch wurden diese Bereiche heller oder dunkler. Ganz einfach also.

In Photoshop wurde dieses Prinzip dann umgesetzt und so finden sich hier die Werkzeuge “Nachbelichter” und “Abwedler”, von deren Verwendung ich generell aber abrate. Dazu aber später mehr.
Bereiche heller und dunkler machen – wofür?

In diesem Beispiel sehen wir nur unterschiedlich helle Pixel. Nur durch die Helligkeitsunterschiede setzt unsere Wahrnehmung Größe und Position der Elemente im dreidimensionalen Raum zusammen. Wir haben gelernt, dass dort wo sich eine helle Fläche und eine dunkle Fläche treffen eine Kante ist und dementsprechend wird das als “Tiefe” interpretiert.

Die Größe eines Elements ergibt sich durch seine Position im Raum, wird also nur indirekt durch die Helligkeit beeinflusst.

Fazit bis hier: Dodge&Burn verändert die Tiefeninformation in einem Bild.

Glaubst du nicht? Dann sieh guck mal hier:

Verwende die Pfeile im Bild um vor und zurück zu springen.

Bild 1: Eine einfache graue Fläche. Hier findet keine Tiefeninformation statt.
Bild 2: Durch aufhellen einer runden Fläche entsteht ein Highlight
Bild 3: Abgedunkelte Ränder erzeugen die Illusion einer Kugel
Bild 4: Durch den Schatten wird der Raum definiert. Man nimmt einen Boden wahr
Bild 5: Der Kontaktschatten bestimmt den Abstand zwischen Kugel und Boden
Bild 6: Die Kante zwischen Wand und Boden entsteht durch einen Helligkeitsverlauf im Bodenbereich.

verwendung von dodge&burn in der retusche

Im Beispiel oben ist schon gut erkennbar, wie D&B eine Manipulation von Licht und Schatten ermöglicht. Genau dafür wird die Technik primär verwendet:

Schatten, die sich durch leichte Unebenheiten der Haut bzw. Knochenstrukturen ergeben werden aufgehellt.

Highlights, die dort entstehen werden abgedunkelt.

An Hautfalten entstehen Highlights und Schatten, werden diese entfernt, ist auch die Falte weg. Werden sie abgemildert, fällt eine Falte nicht mehr ins Gewicht.

Tiefe im Bild – das sogenannte Contouring – wird auch per Dodge&Burn erzeugt bzw verstärkt.

Hier ein paar Beispiele. Mit dem Schieber kannst du zwischen Ohne und Mit Dodge&Burn wechseln.

Vorteile von Dodge&Burn

Wenn man sich im Highend-Sektor umsieht – also bei denjenigen, die die hochbezahlten Kampagnen retuschieren – findet man keinen Retoucher, dessen Hauptwerkzeug nicht D&B wäre.

Woran liegt das, was macht Dodge&Burn so mächtig?

D&B ist komplett non-destruktiv, solange man es nicht mit den Photoshop-eigenen Werkzeugen vornimmt.
Das bedeutet man kann immer wieder zurück zum Schritt davor oder bestimmte Bereiche zurücknehmen wir man gerne möchte. 

Dadurch entsteht Sicherheit für den Retoucher und das erlaubt ein sehr zügiges Arbeiten.

D&B verändert keine Hautstrukturen – zumindest nicht dann, wenn man etwas weiter herausgezoomt arbeitet (auch dazu später mehr). 

Die Pixel bleiben an ihrem Platz und werden nur heller oder dunkler gemacht – also in der Tiefe nach vorn oder hinten geschoben. Das ermöglicht extrem hohe Bildschärfe und artefaktfreies Arbeiten.

Die Methoden des Dodge&Burn

Ein kurzer Ausflug in die Geschichte des D&B im digitalen Bereich:

Der Abwedler und Nachbelichter als Photoshop-Werkzeug

Anfangs wurden ausschließlich diese Werkzeuge verwendet, meist auf einer Kopie der Original-Ebene. Im Werkzeug kann mit der Alt-Taste zwischen dem Modus Abwedeln und dem Modus Nachbelichten umgeschaltet werden und das Werkzeug bietet die Möglichkeit bevorzugt Lichter, Mitteltöne oder Schatten zu beeinflussen.

Der große Vorteil dieses Werkzeugs ist die automatische Anpassung der Farbsättigung, die in Schatten des Bildes naturgemäß höher ist als in Highlights und unbedingt berücksichtigt werden muss, wenn man Helligkeiten manipuliert.

Ein dicker Nachteil ist natürlich der destruktive Workflow. Hier wird direkt im Bild aufgehellt und abgedunkelt, wenn man etwas falsch macht hilft nur das schrittweises rückgängig machen – einen Schritt herausnehmen ohne die nachfolgenden Schritte zu beeinflussen ist nicht möglich.

 

Abwedler und Nachbelichter auf der neutralgrauer Ebene

Um die beschriebene Destruktivität zu umgehen, verbreitete sich das Arbeiten auf einer Neutralgrauebene im Ebenenmodus “Weiches Licht”. Jetzt war es sehr einfach möglich, Stellen die nicht geglückt sind wieder zurück zu nehmen, in dem mit einem neutralgrauen Pinsel die Änderung weg gepinselt wird. 

Das ist auch der große Vorteil dieser Methode: Sie ist non-destruktiv.

Als großen Nachteil muss man die fehlende Sättigungsanpassung sehen – leider kann das Werkzeug hier nicht sehen welche Farben zugrunde liegen. Für das Werkzeug ist sind alle Pixel grau. Dadurch hat auch die Einstellung Lichter und Schatten keine Wirkung – lediglich die Mitteltöne werden bearbeitet.

Pinsel auf neutralgrauer Ebene

Die Pinsel-Engine von Photoshop ist sensationell gut und so lag es nahe, das Werkzeug Abwedler und Nachbelichter gegen einen normalen Pinsel auszutauschen. Mit der Taste X wird zwischen Vorder- und Hintergrundfarbe gewechselt und einfach auf die neutralgraue Ebene gemalt. Durch den Modus “Weiches Licht” dieser Ebene wird alles darunter partiell aufgehellt bzw abgedunkelt.

Vorteil dieser Technik ist die großartige Pinselengine, die Abwedler und Nachbelichter in den Schatten stellt. Eine komfortable umschaltung zwischen Aufhellen und Abdunkeln ist auch gegeben.

Zwei Nachteile ergeben sich allerdings dennoch: Zum einen ist es nicht mit einfachen Mitteln möglich, eine Sättigungsanpassung mit einzufügen. Diese muss also seperat gemalt werden und das bedeutet doppelt Arbeit.

Der zweite Nachteil ist technischer Natur und betrifft primär 8bit-Bilder: als “neutral” wird hier 50% Grau angesehen, also in Werten die 128. Es ergeben sich demnach 128 verfügbare Stufen in den hellen Bereich und 128 Stufen in den dunklen Bereich. Bei sehr großflächigen Änderungen kann das schon zu Tonwertabrissen oder Banding führen.

Gradationskurven

Ich teile Dodge&Burn auf zwei Gruppen auf und belege diese Gruppen mit einer Ebenenmaske. Auf diese Maske male ich mit einem weissen Pinsel dann die Änderung in die eine Richtung – oder eben auf der anderen Gruppenmaske in die andere Richtung. Alles, was in der Gruppe liegt, wird nun auf das Bild gepinselt.

In den Gruppen befindet sich eine Gradationskurve und eine Farbton-Sättigung Einstellungsebene. 

Die Werte wurden aus dem Retouching Toolkit entnommen.

 

Die Vorteile sind hier ziemlich klar:
– voller Umfang über den ganzen Tonwertbereich
– eingeklinkte Sättigungskorrektur
– optional sind weitere Korrekturebenen einzufügen
– die guten Pinsel von Photoshop werden verwendet

Als Nachteil muss man sicherlich den Wechsel zwischen Dodge und Burn nennen: Hier ist ein manuelles klicken in die Ebenenpalette notwendig.

Der Pinsel

Ich nutze für Dodge&Burn einen normalen, runden Standartpinsel mit 0% Härte und 100% Deckkraft. Der Fluss variiert zwischen 1% und 8%.

Letzteres hat sich für mich als saubere Lösung erwiesen, aber hier teilt sich die Branche in etwa 50/50: die einen mögen Fluss, die anderen Deckkraft.

Mein Standard ist sicherlich 1% Fluss. Sollte ich merken, dass ich stärkere Änderungen brauche, erhöhe ich auf 2%. Damit habe ich in einem Pinselstrich die doppelte Menge “Farbe” aufgetragen. Reicht das immer noch nicht, erhöhe ich auf 4% (ein Strich entspricht 2x 2% bzw 4x 1%) oder eben auf 8% (Ein Pinselstrich ist 2×4%, 4x 2% oder 8x 1%).

Das mag an meinem Informatik-Background liegen, aber ich mag das mit dem verdoppeln und halbieren.

Maus oder Tablet

Dodge&Burn ist eine ewige Malerei und genau dafür ist die Maus nicht gedacht. Die Maus ist toll um Dinge von A nach B zu ziehen und auf Buttons zu klicken, aber so richtig schöne Bewegungen sind damit nicht möglich.

Versuch doch mal damit deinen Namen zu schreiben….

Hier sollte man vielleicht dazu sagen, dass ich eine echte Sauklaue habe… aber gut – oben ist die Maus und unten habe ich mit dem Tablet geschrieben.

Ich nutze ausschließlich Tablets von Wacom (ja, ich habe andere getestet) und habe da alle Zusatzfunktionen ausgeschaltet. Es gibt also keine Drucksensibilität, keine Stiftstellung und keine Sondertasten – ich bewege meinen Mauszeiger mit dem Stift.

Wer umsteigt von Maus auf Tablet, sollte sich auf jeden Fall etwa drei Tage Zeit nehmen. Am Anfang ist es ungewohnt und schlimm und man tendiert dazu, es einfach so aus dem Fenster zu feuern. Hier ist etwas Geduld angesagt.

Ich nutze eine Mischform, das heißt ich habe immer noch eine Maus daneben liegen und nutze den Stift für das malen im Bild und die Maus für die meisten Tasks rund um die Buttons und Ebenen.

Auch hier gibt es aber viele Spielarten, manche nutzen gar beides gleichzeitig: Ein Hand am Tablet, die andere an der Maus…

Hilfsmittel für die Bearbeitung

Unsere Wahrnehmung ist nicht besonders geübt im unabhängigen sehen von Helligkeiten. Hier spielt die Sättigung und die Farbtonspezifische Helligkeit (Die Luminanz) deutlich mit ein.

Bei der Bearbeitung hilft es hier, die Farbsättigungs-Information temporär zu verwerfen und so die reine Luminanz der Farbe zu sehen und darauf basierend die Helligkeit zu bearbeiten. Das geht ganz einfach:

In der Ebenenliste wird ganz oben eine neue Ebene im Modus “Farbe” angelegt. Farbe, darunter versteht Photoshop die Kombination auf Sättigung und Farbton. Diese Ebene wird mit weiss oder grau oder schwarz gefüllt. Die genaue Farbe spielt keine große Rolle, solange die Sättigung 0% beträgt.

Was nun passiert: Die Farbton und Farbsättigungsinformationen werden von dieser neuen Ebene auf alle darunter übertragen. Da die Sättigung hier 0% beträgt, wird alles grau – wir sehen nur die wahrgenommene Helligkeit.

Helligkeit vs Luminanz

Ganz kurz müssen wir auf dieses Thema eingehen!

Luminanz ist die wahrgenommene Helligkeit einer Farbe, während die Helligkeit nur die numerische Helligkeit in Photoshop ist.

Als Beispiel habe ich hier die Primär-und Sekundärfarben angelegt:

Links: Die Originalfarben mit 100% Helligkeit und 100% Sättigung
Mitte: Luminanzansicht mit einer mit Weiss gefüllten Ebene im Modus Farbe
Rechts: Sättigung verringert mit der Einstellungsebene Farbton-Sättigung

Im Direktvergleich ist Gelb viel heller als Blau – und das muss bei D&B berücksichtigt werden um auszuschließen, dass Farbabweichungen das Ergebnis beeinflussen!

Gefahren von D&B

Onkel Ben sagte: “Aus großer Kraft folgt große Verantwortung”. Unabhängig davon ob der Spruch tatsächlich von den Spiderman-Autoren oder von Nixon stammt – es ist viel wahres dran!

Und so ist auch D&B ein sehr mächtiges Werkzeug, dass durchaus Bilder vermasseln kann!

Hier die gängigen Fehler:

Zu viel D&B

Wenn man so meditativ vor sich hin malt, wird das Bild immer besser. Egal wie viel man schon dran gemacht hat! Wir gewöhnen uns sehr schnell an die “neue Optik” und wollen noch eins drauf legen – so funktioniert unsere Wahrnehmung. Vorsicht – zu viel ist schlimmer als gar kein D&B! Hier gilt sanftes dosieren und am nächsten Tag VOR der Veröffentlichung nochmal prüfen. Die gute Nachricht: Man kann D&B in der Deckkraft zurück nehmen und macht im Gegensatz zu Reparaturebenen damit nichts kaputt.

Veränderung der Anatomie

Das ist ein Klassiker und der ist gemein. Wenn man Licht und Schatten in einem Gesicht hat, dann kommt das irgendwo her: Etwas hervorstehendes erzeugt ein Highlight und einen Schatten.
Manipuliert man hier, verändert man die darunter liegende Form – im Fall der Menschenfotografie eben die Anatomie. 

Abhilfe schafft hier ein ständiges Kontrollieren der Knochenstrukturen und ein bewusstes zurücknehmen, falls man doch mal eine Änderung vorgenommen hat.

Zu hoher Zoomfaktor

Vor ein paar Jahren war es “in”, sich auf 200% in ein Bild zu zoomen und Tagelang kleine Poren anzugleichen. Mit DB kann man das natürlich tun und man bekommt damit nicht nur Gesichter komplett glatt! “Komplett Glatt” ist aber natürlich nicht gewünscht und deshalb sollte man versuchen in einem Zoombereich zwischen 20 und 60% zu bleiben (das ist natürlich abhängig von Bildschirmauflösung und Bildgröße).

Flecken

Ja, das ist normal. Am Anfang macht man Flecken rein… Das liegt daran, dass wir erstmal lernen müssen die feinen Unterschiede zu sehen. Das kann einige Wochen dauern und muss einfach geübt werden. Ich habe dafür einen Golfball um seine Krater befreit – eine tolle, abstrakte Übung! Kann ich sehr empfehlen.

Fazit

Ich liebe D&B – es mag also sein, dass ich immer noch die rosarote Brille aufhabe – bitte verzeiht mir das!

Man kann mit D&B nicht nur Haut bearbeiten, auch für Tischdecken, Anzüge, Falten jeder Art und ungewollte Schatten ist das die Methode erster Wahl!

Bikinistreifen – kein Problem…

Am Anfang dauert das alles ziemlich lange und man wird auch Flecken machen und man wird auch Sachen übersehen und man wird Kopfweh haben: 

Das ging allen so. Da muss man durch und es wird schnell besser.
Schnell besser werden auch die Bilder.

Dranbleiben! 

zum Abschluss noch ein paar vorher/nachher-Bilder:

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