Wir hatten vor kurzem eine anregende Diskussion über die Relevanz von Retusche ganz allgemein. Der Name Eberhard Schuy wurde dabei immer wieder als Beispiel genannt, da er bekannt dafür ist, mit möglichst wenig Retusche auszukommen. Wir haben uns dann einfach mal mit ihm unterhalten, über Begriffe wie Out-of-Cam und die Grenzen dessen, was schon in der Kamera möglich ist – und wo es Sinn macht, auf Bildbearbeitung zu setzen.

Herr Schuy, ist es für professionelle Fotografen wie Sie überhaupt möglich, in kommerziellen Projekten Out-of-Cam zu arbeiten?
Da müsste man erst mal Out-of-Cam definieren. Letztendlich haben wir das ja auch früher schon nicht getan, wir haben zum Beispiel auch Filme fast immer auf eine spezielle Art entwickelt. Es ist daher natürlich völliger Unsinn zu sagen, wir arbeiten ohne Bildbearbeitung. Im kommerziellen Bereich wird RAW fotografiert und schon bei der Entwicklung greifen wir natürlich ein. Wer hier alle Regler auf Null lässt, macht ziemlich sicher etwas falsch. Trotzdem habe ich einige Kunden, die sagen sie kämen zu mir, weil hier noch richtig fotografiert wird. Das Bild direkt aus der Kamera liegt dann schon sehr nahe am gewünschten Ergebnis.

Sprich der Kunde legt Wert auf ein gutes Ergebnis, der Weg dorthin ist ihm aber ja egal, oder?
Nein, eben nicht. Denn in meiner Erfahrung ist die Nachbearbeitung häufig teurer als wenn man es gleich mit der Kamera richtig macht. Da die Kunden bei mir Studio oft dabei sind, wird hier ein Satz niemals ausgesprochen: “Den Rest machen wir in Photoshop.” Wer das sagt, sieht die Studiotüre von draußen. Denn ab hier beginnt der Bereich, ab dem man nicht mehr 100-prozentig fotografiert. Meines Erachtens nach wird dieser Satz in 99 Prozent der Fälle viel zu früh gesagt.

Das unterschreiben wir, auch wir stehen dafür ein, dass eine gute Retusche überhaupt nur auf sehr gutes fotografisches Ausgangsmaterial angelegt werden kann und dieses ergänzt, nicht aber als Notpflaster für faule Fotografen fungieren sollte.
Ich bin natürlich nicht im People-Bereich unterwegs und kann daher nur für die Produktfotografie sprechen. Unsere Bildbearbeitung dauert selten länger als zehn Minuten, egal, ob wir das selbst machen oder das Ganze an eine Post-Produktion nach außen geht. Stäubchen stempeln wir selbst weg, machen auch mal einen Freisteller, häufig gehen die aber auch raus. Ich bekomme aber auch von dort immer wieder Feedback, dass das Ausgangsmaterial stimmig ist und auch kompliziertere Sachen wie Getränke mit wenigen Handgriffen fertig bearbeitet sind.

Berührungspunkte mit der People-Sparte haben aber ja auch Sie, da es nicht immer ganz ohne Menschen auf den Fotos geht…
Natürlich, speziell bei Schmuck arbeite ich natürlich hin und wieder auch mit Modellen. Manche Kunden oder Agenturen setzen hier dann natürlich stark auf Retusche. Meine Kunden dagegen suchen sehr gezielt nach dem passenden Modell und geben viel Geld dafür aus, danach investiert man mindestens genau so viel Geld in eine Visagistin und spart sich das dann in der Bildbearbeitung. In manchen Fällen fotografieren wir dann den Schmuck ein zweites Mal und ändern das Licht komplett, nur auf den Schmuck abgestimmt. Anschließend werden perfekt belichtetes Modell und perfekt ausgeleuchteter Schmuck in Photoshop zusammengeführt.

Das ist eben die Nutzung aller Möglichkeiten, um ein noch besseres Ergebnis zu erreichen. Warum sollte man darauf auch verzichten?
Es wäre blöd es nicht zu tun.

In einer perfekten Welt aber wäre es natürlich möglich, auch beide Parts – Model und Schmuck – schon in einem Schuss korrekt auszuleuchten, oder?
Bei Perlenketten ist das beispielsweise kein großes Problem. Wenn wir aber zum Beispiel großen Silberschmuck ablichten, dann wollen die Kunden da einen superperfekten Verlauf haben, vielleicht auch noch eine kleine Einspiegelung. Das geht aber eben nicht, wenn der Schmuck in dem Moment von einem Modell getragen wird. Denn sie bewegt sich dann nur einen Millimeter und schon stimmt die Spiegelung nicht mehr. Dann macht man zwei Aufnahmen und baut die am Rechner zusammen.

Wäre es denn dennoch vorstellbar, ohne Retusche zu arbeiten oder sagen sie eher “Warum sollte ich denn, wenn ich diese Möglichkeiten doch habe?”
Prinzipiell muss man natürlich nicht immer alles, was möglich ist auch machen. Wenn wir hier im Studio ohne Retusche arbeiten können, dann tun wir das auch. Es gibt aber trotzdem immer eine sehr ausgefeilte Entwicklung, da werden Gradation, Lokalkontraste und alle möglichen Feinheiten gesteuert, der RAW-Konverter ist daher schon sehr wichtig. Das haben wir früher eben über die Auswahl des Films und dessen speziell abgestimmter Entwicklung erledigt.

Hier müsste man vielleicht die Begriffe Bildentwicklung, Bildbearbeitung und Retusche trennen…
Ja, da ist immer die Frage wo das eine ins andere übergeht. Ist es schon Retusche, wenn ich ein Stäubchen wegstemple? Kein Fotograf arbeitet schließlich im Reinraum. Und wenn ich dann per Dodge&Burn etwas am Licht ändere, ist das ebenfalls eine alte Dunkelkammer-Technik, die ich heute im Alltag digital anwende. Ich würde sagen deutlich über 80 Prozent meiner Bilder brauchen darüber hinaus kaum Retusche.

Sie streben aber dennoch immer nach dem bestmöglichen Ergebnis?
Es gibt keine Entschuldigung für ein Bild, das veröffentlicht ist. Da steht mein Name drunter und dann darf ich nicht mehr sagen „Ich hatte ja nur zwei Stunden Zeit“ oder „Der Kunde wollte das so“. Wenn ich mich im Nachhinein für ein Bild entschuldigen muss, habe ich vorher einen Fehler gemacht.

Haben Sie Kunden, die wirklich Wert auf wenig Bearbeitung legen?
Ja, solche gibt es wirklich – auch wenn das manchmal Schwachsinn ist. Da drehe ich dann eine halbe Stunde die Lichter im Studio um einen Reflex im Bild auszugleichen, was im Photoshop zehn Sekunden dauern würde. Abends denke ich mir dann manchmal: “Super Bild, aber was haben wir da jetzt wieder für eine Show veranstaltet.“ Denn das wäre mit weniger Aufwand und etwas Bearbeitung auch in Dreiviertel der Zeit zu machen gewesen. Aber der Kunde möchte das so und dann machen wir das.
Genauso gibt es eben aber Kunde, die sagen: Warum brauchen sie da so lange, das macht man doch am Rechner?
Da muss man eben immer schauen wofür man was einsetzt. Ich arbeite seit 1994 mit Photoshop und weiß also schon, wo Bearbeitung effizient ist und wo nicht. Dann kann ich dem Kunden auch während des Shootings sagen, dass ich da jetzt zehn Minuten brauche um eine Reflexion zu perfektionieren, wofür ich später in der Postproduktion eine Stunde bräuchte. Gott sei Dank vertrauen mir da meine Kunden.

Womit wir wieder beim möglichst perfekten Ausgangsmaterial sind, die Retusche ist kein Reparaturwerkzeug sondern eine Ergänzung, die es auch schon immer gab.
Exakt, ich mag auch den Begriff Out-of-Cam überhaupt nicht, denn das gab es wie gesagt noch nie. Früher stand man eben mit Spezialentwickler in der Dunkelkammer und hat unglaublich viel hantiert, vorentwickelt, vorgewässert und dann verschiedene Bildbereiche abgewedelt, abgeschwächt und wieder nachbelichtet. Dieses Out-of-Cam suggeriert aber immer, man macht ein Bild, zieht es auf den Rechner und fertig. Das funktioniert vielleicht bei einem Prozent in der Landschaftsfotografie.

Wenn denn die Wolke wirklich dort steht wo sie soll…
Genau. Das kann man ja machen und haben wir auch analog so gemacht: Dann wartet man eben so lange, bis die Wolke – oder die Sonne – da ist, wo man sie haben will.

Da ist im kommerziellen Umfeld aber schwierig, dem Kunden zu sagen, wir warten jetzt mal bis das Wetter passt…
Eben, da wären auch meine Kunden einverstanden, dass ich ihnen die Wolke später am Rechner passend verschiebe. Ich möchte absolut nicht in dem Mund gelegt bekommen, ich würde Out-of-Cam fotografieren, denn das tue ich nicht. Ich würde auch jedem Kunden, der das wünscht, sagen, dass ich das definitiv nicht mache, denn es geht nicht. Out-of-Cam ist einer der dümmsten Sprüche in der digitalen Fotowelt.

Eberhard Schuy arbeitet in Köln als selbstständiger Werbe- und Industriefotograf für internationale Kunden. Als Gastdozent arbeitet er an verschiedenen Hochschulen für Design und Kommunikation. www.SCHUYfotografie.de

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Eine Idee zu “Eberhard Schuy im Interview über Retusche und Bildbearbeitung

  1. Wolfgang Münch sagt:

    Ein sehr guter Bericht der alles auf den Punkt bringt, auch ich mag den Begriff Out of Camera nicht, ich würde gerne mal wissen, wer hat den Begriff geprägt?
    Wer fotografiert denn im jpg Vormat für Kunden? Ich brauche heute nach der Foto Arbeit pro Bild höchstens 15 – 30 min, ROW Entwicklung ein wenig Dodge &Burn, wie früher im Labor, dort wurde auch abgewendet und nach belichtet! Mehr ist das heute auch nicht, nur eben digital, ich mag nicht die Bilder bei denen ein neuer Mensch in Photoshop gebastelt wird, ich bin immer noch Fotograf, dafür habe ich in der Schule und im Studio sehr viel Zeit verbracht, um meine Modelle im Studio richtig auszuleuchten! In meiner Zeit haben Grafiker am PC gesessen und Bilder gebastelt! Doch der Fotograf stand im Studio und nicht vor dem Rechner!

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