Ah, “Fotografie”, du schwammig definiertes Wort, das jeder irgendwie anders interpretiert. Schon komisch, wie polarisierend du sein kannst, nicht wahr?

Einer deiner polarisierensten Aspekte scheint zu sein, wie viel Retusche als akzeptabel angesehen wird. Die Puristen behaupten natürlich, dass absolut gar nichts retuschiert werden darf (und berufen sich dabei oft auf Ansel Adams, was irgendwie ironisch ist, wenn man bedenkt, wie viel Dodge&Burn er in die Fotografie einbrachte), während andere Photoshop einfach als selbstverständlichen und nützlichen Teil ihres Fotografie-Werkzeugskastens sehen.

Generell kann man aber sagen, dass die gesammelte Fotografen-Community “zu viel” Photoshop als etwas schlechtes ansieht. Dass es die klassische Fotografie zerstört und dass jene, die “zu viel” retuschieren, verbannt, enterbt oder zumindest ordentlich gerügt gehören (je nachdem, welcher Facebook Gruppe man angehört). Aber bevor wir nun alle die Fackeln anzünden und die Mistgabeln aus dem Schuppen holen, sollten wir vielleicht noch kurz dieses wage Konzept von “zu viel Retusche” ein wenig genauer betrachten, oder? Geht ganz schnell, versprochen.

Zuerst geben wir alle erstmal zu, dass der Ausdruck “zu viel Retusche” immer ziemlich von der Art des jeweiligen Fotos abhängt. Bei Presse- oder Dokumentarfotos z.B. können schon die kleinste Anpassungen in Lightroom absolut tabu sein. Für Menschen wie mich allerdings, die ihre Brötchen damit verdienen, auf dem schmalen Grat zwischen Fotografie und Foto-Manipulation zu tanzen, ist die Definition von “zu viel Retusche” schon deutlich subjektiver.

Apropos Subjektivität: Der zweite Punkt ist, dass jeder ja irgendwie einen bevorzugten Bearbeitungsstil hat. Ich für meinen Teil bin kein besonderer Fan von HDR. Oder anders: Ich hasse HDR. Ich kann es nicht ausstehen. Von 1000 Beispielen, die man als “gut gemachte” HDR-Bilder bezeichnen könnte, mag ich vielleicht ein oder zwei Fotos. Und das eigentlich auch nur, wenn der enstprechende Fotograf gerade neben mir steht und ich seine Gefühle nicht verletzen will. Aber es ist gelogen; egal durch wie viele Bilder ich mich wühle, ich bring es einfach nicht über’s Herz, HDR-Bilder zu mögen.

Aber egal wie sehr ich diese spezielle Art der Bearbeitung hasse, es heißt nicht, dass sie vom Angesicht der Erde gestrichen gehört. Es heißt nicht, dass ich andere Fotografen zur Sau mache, nur weil sie ihre HDR-Bearbeitung mögen und zeigen. Wenn überhaupt heißt es, dass ich diese spezielle Technik bei meinen Fotos selbst nicht benutzen werde. Aber es ist meine persönliche Einstellung, nicht mehr und nicht weniger.

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Der letzte Punkt und das eigentliche Problem, das ich mit dieser aufgeladenen “zu viel Retusche”-Diskussion habe ist aber: Fängt nicht jeder mit ein wenig “zu viel” Bearbeitung an?

Zugegeben, wenn du in den guten alten Zeiten mit echtem Film angefangen hast und keine Dunkelkammer dein eigen nennen durftest, war es wohl etwas schwierig überhaupt irgendetwas in der Nachbearbeitung zu verändern. Aber wir sind nun im 21. Jahrhundert und so ziemlich jeder “neuere” Fotograf konnte und kann auf irgendeine brauchbare Version von Photoshop und/oder Lightroom zurückgreifen. Haben wir da nicht alle am Anfang etwas über die Stränge geschlagen?

Ich habe es. Sättigungs- und Klarheitsregler kannten nur eine Position: Rechts. Auf 100. Alles sollte heller werden. Mehr Farbe. Mehr Kontrast. Mehr, mehr, MEHR!!!! (Böses, irres Lachen bitte hier einfügen)

Meine frühen Arbeiten, so wie die von vielen anderen, waren grauenhaft. Ich war einfach nicht erfahren genug, um Farbverschiebungen zu sehen oder Tonwertabrisse von zu viel Bearbeitung zu erkennen. Meine Hauttöne waren scheußlich und unnatürlich… und ich wusste es nicht. Ich gab mein Bestes, ein richtig gutes Foto zu schießen und drehte dann so weit an all den Rädchen, bis das Bild “besser” war… oder zumindest das, was ich für “besser” hielt. Rückblickend sieht das alles verdammt… nunja… amateurhaft aus (Ihr könnt einfach auf meinem Flickr-Profil ganz nach unten scrollen und sehen, was ich meine. Ich habe nicht ein Foto gelöscht).

Leute haben versucht mir zu helfen, aber ihr Feedback stieß auf taube Ohren. Ich wollte eigentlich gar nicht so stur sein, nur hatte ich ehrlich gesagt keinen Schimmmer davon, was ein gutes Foto von einem schlechten unterscheidet und konnte die Kritik nicht verstehen. Sie sagten, die Haut hat einen Blaustisch – hab ich nicht gesehen. Sie sagten, die Vignette ist zu stark – ich wusste gar nicht, was eine Vignette ist. Kurzum, was Fotografie-Können betraf, war ich noch weit entfernt davon, eine Fotografin zu sein. Ich war einfach ein normaler Mensch, außer dass ich eine Kamera und Photoshop besaß.

Und so peinlich es auch sein mag, mir meine alten Fotos anzusehen, bin ich doch froh am Anfang zu der Kategorie “zu viel Bearbeitung” gehört zu haben – es war für mich der einzige Weg zu lernen. Die ganzen Experimente brachten mich an den Punkt, an dem ich jetzt stehe. Der Sättigungsregler bleibt fast immer wo er ist und mein Bearbeitungs-Stil geht eher in die sanfte und deutlich natürlichere Richtung; besonders je mehr ich mit Film arbeite.

Underwater-Baby2

Hätte man mich damals wegen meiner “zu viel”-Retusche immer wieder in der Luft zerrissen, ich hätte Photoshop wohl schnell wieder gelöscht und nie so viel Nützliches gelernt.

Deshalb – nachdem wir uns das alles jetzt mal angesehen haben – frage ich dich, lieber Leser: Warum werden “zu viel” retuschierte Fotos ständig so runtergemacht? Entweder entspricht es nicht deinem persönlichen Geschmack, was heißt, dass du es nur kritisierst, um deinen eigenen “Stil” aufzuwerten, oder es ist wirklich handwerklich schlecht, was darauf hindeutet, dass der Fotograf sich noch ausprobiert. Und auch dann hat deine Kritik… nunja, den selben Effekt: Deine Arbeit über die eines anderen stellen.

Also können wir uns alle bitte wieder einkriegen? Halten wir fest:

  1. Jeder Fotograf hat einen anderen Bearbeitungs-Stil, den wir manchmal mögen und manchmal eben nicht. Wenn du ihn nicht magst, kannst du das sicher unter “Geschmackssache” abhaken und gut sein lassen, oder?
  2. Einige Fotografen haben einfach noch nicht den Punkt ihrer Entwicklung erreicht, an dem sie Fehler und “zu viel” erkennen können. Sollten wir ihnen dann nicht eher weiterhelfen, anstatt sie fertig zu machen?
  3. Wir fingen alle klein an. Keiner von uns schoß sofort perfekte Bilder und mit Sicherheit hatten wir nicht die Retusche-Fähigkeiten, die paar guten Fotos vernünftig nachzubearbeiten. Es ist uns allen wahrscheinlich peinlich, durch unsere alten “Werke” zu blättern und sich dann über andere Fotografen lustig zu machen, nur weil die in einer anderen Entwicklungsstufe stecken, ist einfach ziemlich arschig, richtig?

Ich hoffe das wäre dann klargestellt. Ich persönlich hab damit kein Problem, viele “zu stark retuschierte” Bilder eines Fotografen in meinem News Feed zu sehen, der gerade voller Enthusiasmus zum ersten mal Dodge & Burn ausprobiert. Sind sie übertrieben bearbeitet? Natürlich, aber wir alle haben zu viel gedodged und geburned, als wir das erste mal davon erfahren haben.
Womit ich ein Problem habe: Gruppen von aufgeblasenen, verbitterten “Profis”, die sich lautstark darüber auslassen, wie ehrliche Retuschefehler und Experimente die achso schöne Fotografie zerstören. Im Namen Ansel Adams, lasst die Leute doch herumspielen, bis sie ihren Stil gefunden haben und erinnert euch zwischenzeitlich mal daran, wo ihr herkamt. Ach, und seid nicht so ein Arsch, wenn’s um die Entwicklung Anderer geht.

Aber das ist natürlich nur meine Meinung 😉

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11 Kommentare zu “Ich habe das “übermäßig retuschiert” Argument satt

  1. Skwarciak sagt:

    Wenn’s doch nur so einfach wäre. Meiner Erfahrung nach sind leider viele von ihrem eigenen gefundenen, stark bearbeiteten Stil, so überzeugt, dass sie nur all zu gern öffentlich darauf hinweisen, dass man als Fotograf ja nichts taugen würde wenn man den exzessiven Einsatz von Photoshop nicht deutlich sehen würde. Und damit beeinflussen sie leider auch die Wahrnehmung der verunsicherten Kunden, die zunehmend den Eindruck gewinnen dass nur ein deutlich und stark überarbeitets Bild ein gutes Foto sein kann.

  2. zed sagt:

    ich möchte mich einfach mal bedanken. seit ich vor ein paar wochen mit photoshop begann und auf diese seite stieß, habe ich mich verliebt. wunderbare seite, tolle beiträge und tolle menschen. ich liebe es täglich hier zu sein. beste grüße an das team und jeden der sich hier rumtreibt.

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