In letzter Zeit häufen sich aus einem mir nicht direkt ersichtlichen Grund die Artikel über Kreativität, gepaart mit Ratschlägen wie man aus vermeintlichen unkreativen Phasen wieder heraus findet.

Grund genug dem ganzen etwas fundierter auf den Zahn zu fühlen und mit ein paar Irrtümern aufzuräumen.

Was ist Kreativität nicht?

Es wird viele überraschen, aber Kreativität hat nichts mit Intelligenz zu tun. Es hat auch nichts mit dem Umfeld oder mit der Erziehung zu tun. Nun ja, es gibt Erziehungsmodelle, die Kreativität fördern, aber das bringt uns hier jetzt nicht weiter. Wissenschaftlich bewiesen ist:

Kreativität ist kein Talent!

Was ist Kreativität?

Um etwas über Kreativität zu sagen, muss man erstmal hinterfragen was Kreativität eigentlich ist.
Im Großen und Ganzen wird es wohl als “Ideen” oder “Einfälle” interpretiert, aber man kann es noch weiter herunter brechen:

Kreativität ist ein Lösungsweg für ein Problem.

Das Problem kann viele Gesichter haben:

  • Ich weiss nicht, was ich fotografieren soll.
  • Was kann ich mit dieser Location anfangen?
  • Mit fehlt eine Geschichte für mein Bild.
  • Wie kann ich mein Projekt finanzieren?
  • Wo finde ich gleichgesinnte mit denen ich Projekte realisieren kann?

All diese Probleme können durch eine Idee gelöst werden. Diese Idee ist nun mehr oder minder kreativ.
Viele Menschen bezeichnen sich selbst als äußerst unkreativ, als einfallslos und als ideenarm.

Um diese Einstellung zu erklären, müssen wir uns mal unseren Alltag ansehen. Hier haben wir ständig Listen abzuhaken, wir haben immerzu Termine, Telefonate, Meetings und müssen schnell auf Probleme reagieren. Dazu brechen wir die Probleme auf den kleinsten Nenner und arbeiten sie möglichst effizient ab. Dieser effiziente Modus wird auch geschlossener Modus genannt.

Der kreative und der effiziente Geist sind zwei verschiedene Modi unserer Gedanken. Im Gegensatz zum effizienten, geschlossenen Modus ist der kreative Geist spielerisch, er erlaubt uns abzuschweifen und ist nicht immer direkt Lösungsorientiert. Er erlaubt uns mit dem Problem zu spielen.

Per Definition ist spielen ein “örtlich und zeitlich begrenzter Zustand, in dem eigene Regeln gelten”. Wenn wir mit Problemen spielen, gibt es kein richtig oder falsch, es gibt keine Konsequenzen und keine Verantwortung. Es ist ja nur ein Spiel. Dieses Spielen mit einem Problem ist ein Markenzeichen der kreativen Menschen. Man spricht von einem Offenen Modus.

Das Problem an der Sache: Problemlösungen schütten Endorphine aus und machen uns glücklich.

Wir tendieren also dazu eine schnelle Lösung für ein Problem zu finden, denn ein offenes Problem macht uns zu schaffen. Wir versuchen möglichst effizient daran zu arbeiten. Das ist nicht förderlich für die Kreativität.

Die Oase

Man kann Kreativität nicht erzwingen, aber man kann eine Umgebung schaffen, die Kreativität begünstigt. 5 Punkte sind hier von elementarer Bedeutung:

Platz um sich zurück zu ziehen

Man schaffe sich einen Platz, in dem die Alltäglichkeit außen vor bleibt. Ein Platz, an dem man gemütlich sitzen kann, bei einer Tasse Kaffee und nichts zu tun hat. Keine Zeitschriften, keine Termine, keine Telefonate, keine Ablenkung. Nur du und dein Geist.

Zeit

Es wird empfohlen, sich eine bestimmte Zeit frei zu schaufeln – 90 Minuten sind gerade richtig. Länger ist kontraproduktiv, denn kreativ sein ist anstrengend. Weniger Zeit kann frustrierend sein, denn nachdem man sich hingesetzt hat und einfach nichts zu tun hat, gehen die Gedanken los: “Ich muss heute noch Kaffee kaufen”, “Nachher noch die Email schreiben an Alex”, “Mist, ich habe die Rechnung an XY noch nicht geschrieben” … Man kennt das ja.

Diese Gedanken kommen und wir tendieren dazu ihnen sofort nach zu gehen. Ihr erinnert Euch: Listen abhaken macht glücklich.

Wir haben aber eine feste Zeit in der nicht produktiv und effizient gearbeitet wird. Also lassen wir die Gedanken kommen – und dann auch wieder gehen. Das tun sie nämlich. Ist unser Zeitfenster zu kurz, werden die Gedanken gerade wieder weg sein, aber wir haben in unserer kreativen Phase nichts zu Stande gebracht – ein sehr frustrierender Zustand.

Also: Schaufelt Euch genug Zeit frei, aber nicht zu viel. 90 Minuten in Eurer kreativen Oase.

Zeit

Auch Nr. 3 dreht sich um die Zeit – aber nicht um die Zeit, die wir in unserer Oase haben, vielmehr geht es hier um die verfügbare Zeit bis zur Problemlösung. Wenn wir die Problemlösung erst nächste Woche brauchen, macht es uns zwar glücklich mit der erstbesten Idee den Haken auf die Liste zu setzen, wenn wir aber lernen das Problem stehen zu lassen bis wir die Lösung brauchen, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bessere Lösung finden.

Wir müssen lernen Probleme nicht zu lösen.

Natürlich müssen wir die Probleme lösen, aber wir müssen lernen sie auch zu akzeptieren. Nur so können wir möglichst lange mit ihnen jonglieren und an ihnen herum feilen. Absurde Lösungsmöglichkeiten führen manchmal zu real umsetzbaren, kreativen Ideen. Wer immer die erste Lösung annimmt, sperrt diese Ideen aus.

Selbstbewusstsein

In unserer Oase gibt es kein richtig und kein falsch. Wir müssen uns erlauben abzuschweifen und sich den absurdesten Quatsch auszudenken. Wenn man das mit Gleichgesinnten zusammen macht, klappt es noch besser – zumindest, wenn man sich noch ermutigt und zusammen “spinnt”. Ich denke das kann jeder bestätigen.

Wir brauchen Selbstbewusstsein um in absurde Richtungen zu denken. Im Alltag können wir uns kreative, absurde und nicht lösungsorientierte Gedanken nicht leisten, wir müssen ja effizient sein. In unserer Oase müssen wir stark sein und uns das erlauben.

Humor

Humor begünstigt Kreativität, denn oft bringt Humor sehr unterschiedliche Dinge zusammen. Das ist absurd und erst am Ende – wenn dann der Lacher kommt – verstehen wir die Absurdität und verbinden die unterschiedlichen Welten. Ein Beispiel:

Eine Journalistin hat einen Piloten im Rahmen einer Studie zu seinem Privatleben gefragt wann er zuletzt Sex hatte.
Seine Antwort war “1958”.
Die Journalistin war sehr erstaunt, denn über Piloten wird ja sehr viel gemunkelt. Also hat sie das hinterfragt und er sagte:
“Naja, es ist jetzt 2110”.

Hier wird die Jahreszahl und die Uhrzeit vermischt – das ist kreativ – das ist lustig.
Zwei Welten treffen aufeinander.

Wir tendieren dazu über toternste Probleme auch toternst zu sprechen. Das fördert aber nicht die Kreativität. Im Gegenteil.
Mit guten Freunden können wir auch mal Witzchen machen und so die Gespräche viel angenehmer gestalten und eben auch mit kreativeren Lösungen kommen. Humor hilft uns beim Sprung in den offenen Modus.

Die Modi

Der offene Modus ist wie ein Weitwinkel-Objektiv – wir sehen viel nach links und rechts. Das eigentliche Problem wird sehr viel kleiner (schon mal versucht mit einem Weitwinkel den Mond zu fotografieren?) und nicht mehr so wichtig.

Wir können hier um das Problem herum nach neuen Perspektiven suchen und uns einfach ein bisschen treiben lassen.
Haben wir uns für eine Problemlösung entschieden – also eine Idee gefasst, ist es wichtig in den geschlossenen Modus zu wechseln. Im geschlossenen Modus bekommen wir die Dinge abgearbeitet, wir kriegen Listen abgehakt und etwas “geschafft”.

Danach sollte man wieder in den offenen Modus wechseln um sich Kritik einzuholen und zu sehen wie gut oder schlecht die Lösung war. Nur so wird man besser und lernt weiter aus seinen Fehlern.

Das hin-und-her-springen zwischen den beiden Modi ist sehr schwer, wir tendieren immer im geschlossenen Modus zu bleiben bzw. in diesen zu springen. Der geschlossene Modus ist der “gesellschaftlich anerkannte” Modus. Der fleissige Mensch erreicht sein Ansehen im geschlossenen Modus.

Wer sich mit Terminen überhäuft, wird sich schwerer tun in den offenen Modus zu kommen. Das wird auch den Politikern vorgeworfen, die von einem zum nächsten Termin springen und so immer engstirniger und scheuklappiger werden.

Das eigene Können

Eine Sache ist wichtig und die ist etwas schwer zu erklären:
Das eigene Können und die Selbsteinschätzung.

Diese beiden Dinge gehen Hand in Hand.
Um zu erkennen, dass man in etwas gut ist, muss man auch gut darin sein.

Es gibt tausende Dinge, von denen wir keine Ahnung haben. Es gibt auch ein paar Sachen in denen wir besser werden. Je besser wir darin werden, desto mehr erkennen wir wie gut wir darin sind.

Dafür gibt es leicht nachvollziehbare Beispiele:

  • ein Kind malt ein Bild – das ist für das Kind das schönste, je gemalte Bild
  • schau dir deine früheren Arbeiten an – du warst da mal richtig Stolz drauf

Die Fähigkeit der Selbsteinschätzung, also die Wertung des eigenen Könnens entspricht EXAKT dem eigenen Können.

Wenn du von etwas wirklich keine Ahnung hast, dann wird dir das nicht bewußt sein – denn davon hast du dann auch keine Ahnung. Wie dieser Bankräuber, der sich mit Zitronensaft einrieb um für Kameras unsichtbar zu sein und selbstbewußt und ohne weitere Vorkehrungen 2 Banken überfallen hat. Er war einfach echt schlecht im Thema Bankraub – aber im gleichen Maße nicht fähig das zu beurteilen…

Das muss man bei dem Thema Kreativität auch berücksichtigen. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto besser wird man darin und desto tiefer wird das Verständnis für Kreativität und man wird immer mehr lernen wie schlecht man früher war.

Das gleiche trifft natürlich auch auf Fotografie, Retusche und viele andere Bereiche zu.

Warum ich diesen Punkt hier mir rein nehme?
Ich halte mich selbst für einen kreativen Menschen, aber bei meiner Recherche habe ich gelernt, dass ich keine Ahnung habe.
Zwar betreibe ich die Oasen-Technik seit etwa 2 Jahren und fahre damit sehr gut, aber bei der Recherche zu diesem Artikel stolperte ich auf ein Video von John Cleese. Vieles hier entstammt diesen Videos, denn es ist schlichtweg sehr gut auf den Punkt gebracht und wissenschaftlich auch untermauert. Wer John Cleese nicht kennt, er ist einer der Gründer von Monty Python und seine Filmliste ist seitenlang.

Er sagt in dem Video “Ich beobachte und hinterfrage die Kreativität seit nunmehr 25 Jahren” – erst später fiel mir auf, dass dieses Video von 1991 war und er 20 Jahre später die Thesen immer noch bestätigt…

Ich denke es ist wichtig zu sehen von wem man lernt und welche Ratschläge man annimmt.
Dieser Artikel ist nur eine Zusammenfassung dessen was ich gelesen habe und was ich für mich selbst im ganz ganz kleinen bestätigen kann.

Quellensammlung

Donald W. MacKinnon: Creativity: a multi-faceted phenomenon

Errol Morris: The Anosognosic’s Dilemma: Something’s Wrong but You’ll Never Know What It Is

John Cleese: the Origin of Creativity

John Cleese: Lecture On Creativity

Eine Idee zu “Kreativität und Können

  1. Pingback: 015 | Im Gespräch mit Stefan Kohler, Gründer von rawexchange.de -

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