Rebecca Bathory ist derzeit eine der bekanntesten Fine-Art-Fotografen, im Netz begeistern ihre düsteren Fotos verfallener Gebäude Hunderttausende. Gerade läuft der Kickstarter für ihr drittes Buch, Orphans of Time, in das sie all ihr Herzblut gesteckt hat. Anlass genug, sich einmal mit der Meisterin des Verfalls zu unterhalten.

Orphans of Time auf Kickstarter

Wie lange hast du gebraucht, um das Material für dein aktuelles Buchprojekt zusammen zu tragen?
Ich habe fünf Jahre in verlassenen Gebäuden auf der ganzen Welt fotografiert, das hat ungefähr alles im Beschlag genommen, was ich tue. Wenn ich keine Touren zu neuen Locations plane, fotografiere ich gerade in eben diesen oder bearbeite die Bilder und verteile sie über verschiedene Kanäle.

500 Locations in fünf Jahren bedeutet alle drei oder vier Tage ein neues Gebäude. Das klingt nach höllischer Planung, wie organisierst du das?
Ich war inzwischen auf so vielen Roadtrips, ich habe völlig den Überblick verloren. Unser Ziel ist immer, auf einer Route so viele Locations unterzubringen, wie wir körperlich schaffen können. Auf einem dreitägigen Trip nach Belgien (Rebecca wohnt in England, Anm. d. Red.) haben wir etwa 20 Stationen auf einer Karte markiert. Wir stehen um fünf Uhr morgens auf um das erste Licht zu erwischen und schießen dann bis die Sonne untergeht. Das bedeutet viel Planung, hauptsächlich Suchen von Locations und deren Verortung auf der Karte. Dann muss die beste Route entwickelt werden und wir müssen Transport und Hotels buchen. Aber wir reisen häufig zusammen und teilen das Organisatorische auf.

In Locations zu fotografieren, die man nie zuvor gesehen hat, bedeutet, dass man den Bildaufbau nur schwer planen kann. Wie lange brauchst du dafür vor Ort?
Das ist nicht ganz richtig, es braucht sehr viel Planung. Wir sehen uns die Locations vorher im Netz an, wir wissen also schon, was uns erwartet. Die Idee dabei ist, schon im voraus zu wissen, wie du dein Foto machen musst, damit es anders als das von allen anderen aussieht. Manchmal kommst du aber auch an und findest komplett neue Gegebenheiten – was auch aufregend zu fotografieren sein kann – denn die Dinge verändern sich in solchen Gebäuden natürlich stetig. Der Verfall schreitet immer weiter voran, man hält also den Status in diesem Moment fest, du gefrierst diesen Moment also für immer.

Willst du eigentlich mehr als nur den Status Quo von verlassenen Gebäuden dokumentieren?
Ich bin stolz darauf, ein Stück Geschichte so wie es ist festzuhalten, speziell bei Orten wie Chernobyl oder Fukushima. Denn meine Bilder werden historische Zeitzeugen dieser riesigen Ereignisse für künftige Generationen sein. Ich denke meine Fotos sind Kunst, da ich die Orte nicht mit hunderten Fotos dokumentiere, sondern bedacht wunderschöne Bilder kreieren möchte, die etwas beim Betrachter auslösen.

Holst du dir die Erlaubnis der Besitzer, wenn du an verlassenen Orten fotografierst?
Ich habe vielleicht in fünf Prozent der Fälle offiziell die Erlaubnis. Es ist schwer ein „Geh ruhig rein“ zu bekommen, wenn die Orte gefährlich sind und eigentlich nicht wirklich Leute da rein gehen sollten. Also schleichen wir uns rein ohne gesehen zu werden, machen unsere Bilder und gehen dann wieder, als wären wir nie da gewesen. Wir machen nichts kaputt und nehmen auch nichts von dort mit.

Dein Fotoalltag klingt recht abenteuerlich, du hast bestimmt einiges erlebt. Geschichten, die man Freunden beim Biertrinken erzählt, gehen dir bestimmt nicht mehr aus, oder?
Das stimmt, da könnte ich ewig erzählen… Ich wurde für 16 Stunden vom russischen Militär festgehalten, in einer belgischen Schule kauerte ich auf Knien während eine Waffe auf mich gerichtet war, ich stürzte durch eine Bretterdecke und stand über den Wolken auf einem knirschenden, verlassenen Turm auf einem Berggipfel. Ich könnte darüber ein ganzes Buch schreiben.

Stichwort Buch! Du verlegst „Orphans of Time“ selbst, dein Kickstarter dafür läuft gerade. Warum diesmal kein regulärer Verleger?
Ich habe ja schon zwei Bücher bei einem Verlag, Soviet Ghosts und Return to Fukushima. Das hier aber sind fünf Jahre Arbeit und geht mir daher sehr ans Herz. Deswegen wollte ich jedes Detail selbst steuern, wollte entscheiden wie es aussieht und wie es vertrieben wird. Da steckt so viel Liebe drin, ich würde alles dafür tun, um es Realität werden zu lassen.

Erzählst du in „Orphans of Time“ auch die Geschichten hinter den Gebäuden und Orten?
Es wird eine Einleitung geben, aber ich will die Seiten mit Fotos, nicht mit Text füllen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und ich will, dass der Betrachter sich seine eigenen Geschichten im Kopf zurecht spinnt.

Die Nebelkerzen, die du im Video der dazugehörigen Kickstarter-Kampagne durch ein Gebäude trägst, sind die nur für die Dramatik im Film oder nutzt du das auch für deine Fotos?
Ja, ich mag Mystery-Atmosphäre in meinen Bilder, daher nutze ich Rauch gerne, um etwa Drama einzubauen.

Bist du eher jemand, der 500 Bilder macht, um auch wirklich alles aus der Location rauszuholen oder gehst du rein, scannst alles und machst dann 10 gute Bilder?
Früher habe ich während des Erkundens sehr viel fotografiert, inzwischen habe ich aber gelernt, dass die geplanten Bilder sehr viel besser sind. Wie gesagt untersuche ich die Location schon im voraus im Netz und weiß dann, wo ich stehen will. Vor Ort perfektioniere ich dann das Motiv nur noch. Das kann pro Motiv schon mal eine halbe Stunde oder länger dauern. Dann drücke ich einmal ab, mehr braucht es nicht, ich habe mir ja vorher genügend darüber den Kopf zerbrochen. Manche Locations sind aber persönlicher, etwa durch viele Gegenstände, dort mache ich dann auch mehr Bilder, die dann erzählerischer funktionieren.

Vermisst du die glamourösen Fashion-Shooting-Zeiten, die du hinter dir gelassen hast um verfallende Mauern und einstürzende Dächer zu fotografieren?
Ich vermisse die Modefotografie überhaupt nicht, kein Stück. Ich habe damals für langweilige Kunden in einem Studio gearbeitet. Heute ist mein Leben voller Abenteuer und ich mache Bilder rund um den Globus an aufregenden Orten. Ich würde es für die Welt nicht tauschen!

Du arbeitest mit Mittelformat, um das maximum an Details rauszuholen. Wie bist du zu Mamiya gekommen?
Ich arbeite mit einer Leaf Credo 80, weil meine Arbeiten für Kunden in limitierten Auflagen sehr groß gedruckt werden. Ein Bild wurde etwa wandfüllend vergrößert, es ist also wichtig, dass die Qualität dabei nicht zerstört wird. Außerdem liebe ich den großen Dynamikumfang, was mein Leben in der Postproduktion erleichtert.

Wie viel Zeit brauchst du in der Bildbearbeitung dann noch?
Nicht viel, ich muss meist nur die Schatten und Lichter etwas regeln. Oft entsorge ich auch Graffiti oder Müll im Bild und baue etwas Farbstimmung ein. Sonst aber nicht viel, ich versuche das meiste schon in der Kamera hinzubekommen.

Was kommt als nächstes? Mehr verfallene Gebäude oder ein komplett neuer Weg?
Ich werde keine verlassenen Orte mehr fotografieren, das Buch ist der Abschluss dieser Arbeit. Viele dieser Gebäude werden auch schnell langweilig, da sie von so vielen auf die gleiche Art fotografiert werden. Ich liebe diese Orte, aber jetzt ist es Zeit für etwas anderes. Für 2018 habe ich ein neues Projekt, das meinen fotografischen Stil weiter verfolgt – Schönheit im Dunklen finden – aber es wird einen größeren Erzähleffekt haben. Dieses Jahr schließe ich alle noch ausstehenden Projekte ab und ebene den Weg für das neue.

Das Kickstarter-Projekt läuft noch bis zum 31.05.2017 und kann hier unterstützt werden.
Wir machen da auf jeden Fall mit – da steckt viel Herzblut drin!

Orphans of Time auf Kickstarter

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