Ich war bis vor ein paar Jahren ziemlich überzeugt von meinen Arbeiten als Fotograf und Bildbearbeiter / Retoucher. Dieses Selbstbewusstsein beruhte auf der Tatsache, dass ich meinen Input nicht gefiltert habe. Vor allem Facebook hatte hier eine verheerende Wirkung auf mein Stilempfinden und ich bin inzwischen sehr froh, einen Weg in die richtige Richtung gefunden zu haben. Aber fangen wir mal ganz von vorn an:

Im Oktober 2015 hatte ich die Chance, 10 Tage mit Natalia Taffarel über Bilder zu sprechen und zwei Workshops zu besuchen. Das hat mich verändert – aber erst viel später. Vorab gleich mal eine Warnung: Das wird eine etwas konfuse Geschichte mit vielen kleinen Gedanken, die auf den ersten Blick womöglich gar nicht so zusammen passen…

Ich versuche es möglichst kompakt zusammen zu fassen.

Die mentale Datenbank

Wir lernen durch alles was wir erfahren und sehen. Alles beeinflusst unser Handeln, unsere Wahrnehmung und unsere Selbsteinschätzung. Das fängt ganz früh an:
Als Kleinkind läuft man gegen eine Tischkante und spürt erstmal nur den Schmerz. Das wiederholt man so oft, bis man den Zusammenhang zwischen “Tischkante” und “Aua” gelernt hat und entscheidet sich unterbewußt gegen eine direkte Konfrontation mit dem Tisch und allem, was einem Tisch ähnelt. Das gleiche Prinzip wird dann mit der Katze, heissem Wasser und Kakteen wiederholt. Unsere mentale Datenbank wird stetig gefüllt mit diesen Informationen, die unser Handeln beeinflussen.

Wenn wir sehen, dass jemand Erfolg hat, eifern wir dem nach. Das kann sich in Kleidung, Sprache, Musikgeschmack und allem möglichen äußern und passiert nicht bewußt.
Die neue Jacke macht uns stärker, denn wir fühlen uns damit schöner oder interessanter. Wenn wir nun die gleiche Kamera haben wie unser Idol, fühlen wir uns mehr als “Profi”, gleicht unsere Arbeit der von Idolen, haben wir ein Ziel erreicht.

Die mentale Datenbank befüllt sich immer weiter – mit allem was wir sehen, hören, riechen, erleben. Wir können gar nichts dagegen tun und das ist auch gut so – eigentlich. Wäre da nicht das Problem mit der inflationären Befüllung unserer Datenbank, insbesondere durch Werbung und hier mal ganz konkret Facebook. Auf letzteres möchte ich eingehen, denn das kann man immerhin ein wenig beeinflussen.

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Das Problem “Facebook-Feed”

Wenn man Facebook öffnet, sieht man als erstes den Feed. Das ist eine heitere Mischung aus allem, was Facebook uns so unterjubeln möchte. Durch die Vielzahl an Informationen hat Facebook einen Algorithmus entwickelt, der für uns relevantes von anderem, vielleicht nicht so relevantem, trennt und die Plattform so noch attraktiver für uns machen möchte.

Wenn ich nur mit einer Person befreundet bin und sonst einen jungfräulichen Account habe, sehe ich alles was dieser Freund liked, postet, kommentiert und welche Veranstaltungen er gut findet. Zusätzlich lande ich in einer Zielgruppe für Werbung (durch meine Verbindung mit dieser Person und meinen Interessen) und bekomme entsprechende Werbung angezeigt.

Je größer mein Umfeld / virtueller Freundeskreis wird, desto mehr dieser Informationen bekomme ich angezeigt. Zumindest bis zu dem Moment, in dem ich nicht mehr alles sehen kann, weil die Menge der Informationen einfach zu groß ist. Hier hilft dann Facebook nach und zeigt nur noch Dinge an, die für besonders relevant gehalten werden:

Seiten, mit denen ich viel interagiere, werden mir häufiger angezeigt. Darüber klagen dann viele Seitenbetreiber und sprechen von Reichweitenproblemen. Posts, die Interaktion hervorrufen sollen, scheinen als Weg aus dieser unglücklichen Lage zu funktionieren: Gewinnspiele, Fragen, social days… die Liste an unsäglichem Nonsens ist lang und führt unweigerlich zu noch mehr Content, der irgendwie verarbeitet und gefiltert werden muss. Der Facebook-Algorithmus tut was er am besten kann und wirft gnadenlos Dinge aus dem Feed – teilweise ganz unabhängig von deren “eigentlicher” Relevanz für mich – nur weil ich mal irgendwo einen Kommentar gelassen habe, heißt das ja nicht, dass ich ab dann total viel mehr davon sehen will.
Was übrig bleibt und uns angezeigt wird sind beliebte Posts. “Beliebt” ist aber nicht gleichzusetzen mit “gut” und auch nicht mit “relevant”. So kommt es zu einer äußerst bunten Mischung, die unsere mentale Datenbank unterbewußt füllt.

Ich spreche hier von einem PUSH-Mechanismus, denn ich suche mir die Inhalte ja nicht selbst aus – ich bekomme es einfach “reingedrückt”. Das alles nehme ich in meine mentale Datenbank auf – ob ich will oder nicht. Natürlich kann ich meinen Freunden nicht vorschreiben, was sie liken und kommentieren und was nicht, demnach ist da auch viel Mist dabei. Vieles was mich nicht interessiert und vieles was ich einfach nur schlecht finde. Das trifft besonders für befreundete Fotografen zu, denen ich nur folge weil ich sie kenne oder persönlich schätze oder weil sie ab und zu mal ein gutes Bild hatten.

Der eigene Stil = Die Summe unserer Eindrücke

Als Fotograf oder Bildbearbeiter, als Composer oder auch als Model wird man so ständig beeinflusst. Ob das durch den großen Photoshopper passiert oder den Kollegen oder ein Magazin oder die Familie oder die Rückmeldungen der eigenen Fans: Das alles zusammen bildet die Basis (in unserer mentalen Datenbank) für die eigene Arbeit. Da spielt alles rein, was man irgendwie als Reiz wahrnimmt.

Die logische Schlussfolgerung ist also: Nur mit guter Kunst beschäftigen, gute Magazine lesen, gute Werbung sehen usw. –  sich eben mit “guter Arbeit” umgeben. “Gut” heißt hier: “Da will ich mal hin, das ist mein Ziel”.

Was dann passiert: Man befüllt damit die mentale Datenbank und beginnt das alles als Basis für die eigenen Arbeiten zu sehen. Und da man sich nur noch mit Dingen umgibt, die besser sind als man selbst, ist diese Basis förderlich für die Qualität des eigenen Schaffens.

Das Dumme an der Geschichte: Man kann weder steuern was in die mentale Datenbank kommt, noch kann man steuern wohin es da kommt.
Auch wenn man sich bei Gesehenem denkt: “Das ist aber richtig schlecht”,  so wird es dennoch verwertet und trägt nicht positiv zur Stilfindung bei. Ganz im Gegenteil, es wird auch mit als Basis verwendet und man kann nicht daran wachsen.

Stilbeeinflussung kann nur im Positiven funktionieren: Wir sehen etwas und denken “Junge, da hat jemand sein Handwerk gelernt, das will ich auch können!“. Wenn wir dann selbst tätig werden, wird unser “Stil” die eigene Arbeit mit der Basis der mentalen Datenbank abgleichen und ein Urteil darüber fällen. Je nach Qualität der Daten in unserer Datenbank können wir unsere eigene Arbeit (und natürlich auch die Arbeit von anderen) dann bewerten. So helfen uns die gesammelten Daten dabei besser zu werden.

Die Qualität der (nicht immer freiwillig oder bewusst) konsumierten Eindrücke, entscheidet also maßgeblich, ob und wie wir uns verbessern.

Eine kleine Statistik

Um das ein bisschen zu visualisieren, habe ich die ersten zwei Menschen, die mir über den Weg liefen, gebeten, die ersten 100 Posts in ihrem Facebook-Feed zu kategorisieren:

  • Freunde (Dinge, die ich sehe weil ich mit jemandem befreundet bin)
  • News (Alles was so mit dem Tagesgeschehen zu tun hat)
  • Hobby (Alles, was man so als “kann man schon mal lesen” ansieht)
  • Werbung (Alles mit dem Zusatz “gesponsert”)
  • Relevant (Die Dinge, die stilprägend sind)

Die ersten beiden Grafiken zeigen einen “unbereinigten” Feed. Halt das, was sich über die Zeit so ansammelt und der Algorithmus für relevant hält. Die Werte und Kategorisierung sind natürlich sehr vage und subjektiv, aber man bekommt einen ganz guten Einblick. Die dritte Grafik ist mein Feed nach der Reinigungsaktion.

Mein Feed besteht aus über 50% relevanten Inhalten und macht richtig Spaß.

Mein Weg zum sauberen Feed

Ich habe vor einem Jahr angefangen, meinen Feed nach “nicht relevant” oder sogar “potentiell gefährlich für meinen Stil” zu filtern. Alles, was nicht mit meinem Herzblut (der guten Fotografie) zu tun hat, wurde nicht mehr abonniert, entliked oder geblockt. Das hat im ersten Monat wirklich lange gedauert und 50% aller Meldungen flogen raus. Überraschenderweise hat sich die Qualität deutlich gebessert, vor allem als ich alle Gruppen, viele Freunde und die News entfernt habe. Damit begann ein interessanter Prozess und immer mehr zeigten sich die wirklich “Großen”, von denen ich etwas lernen kann und will. Mit der Zeit flogen nach und nach auch die alten Idole und Größen raus, denn sie fielen in der neuen Qualität einfach negativ auf.

Leider hat es auch einige erwischt, die ich gerne behalten hätte, aber die haben zu viel CandyCrush gespielt, zu viele Veranstaltungen der Lieblingsdisko geteilt oder einfach viel zu viele Freunde unter pseudolustigen / politischen / sozialkritischen / vegetarischen / … (beliebig fortsetzbar) Posts markiert. Naja, auch die bekam ich ganz gut gefiltert.

Ich liebe meinen Newsfeed.

Wenn ich Interesse habe zu sehen was Fotograf XY oder Seite YZ zu sagen hat, dann gebe ich den Namen in die Suche ein und scrolle mich durch deren Feed (PULL-Prinzip: ich ziehe mir die Informationen, die ich will).

Mein persönliches Fazit

Was die Stilbildung angeht, halte ich die Umstellung von Push nach Pull für wichtiger als alles andere. Damit ist vieles des Grundrauschens weg und sollte ich doch mal etwas sehen wollen besuche ich die jeweilige Seite bzw. Chronik.

Alles was man per PULL aufnimmt, wird in der mentalen Datenbank bewußt einsortiert. Ziemlich coole Sache das.

Hat sich meine Fotografie dadurch verändert, meine Bearbeitung, mein Stil?
Ich denke schon, aber ich weiss natürlich nicht ob es nur daran liegt…

Tips

Die hier haben sich als grandios herausgestellt, praktisch kein Grundrauschen

Aber das ist natürlich nur meine ganz persönliche Liste von Magazinen und Künstlern die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Viel mehr findet sich in meinem Feed nicht mehr – muss ja auch nicht.

Viel Spaß beim Ausmisten!

5 Idee über “Über positive Beeinflussung und die mentale Datenbank

  1. Michael Obermayer sagt:

    Was begehren wir? Wir begehren, was wir täglich sehen. (Hannibal Lecter)
    Leider ist da auch viel Quatsch dabei. Es ist an uns, das zu ändern. Wir bei dir sind bei mir schon viele Gruppen ausgemistet worden. Weitere werden folgen.
    Danke für deine inspirierenden Worte! Um zu entscheiden, ob eine Retusche gut ist, ist es mir immer wichtiger, die Weichzeichner und auch die Frequenztrenner auszusortieren.

  2. Hartmut sagt:

    Da macht sich der Herr Kohler richtig Gedanken. Is ja immer wieder eine Inspiration.

  3. obsoquasi
    obsoquasi sagt:

    Sehr guter Artikel, Stefan. Ich finde du sprichst hier ein super wichtiges Thema an für jeden Künstler. Nach dem Sprichwort “garbage in – garbage out” sind wir selber massgeblich für unser künstlerisches Wachstum verantwortlich. Zur Zeit “studiere” ich vermehrt Werke, die gar nicht von Fotografen geschaffen wurden, sondern von Digitalen Paintern und klassichen Malmeistern. Mit dem Hintergedanken: Wenn ein Künstler 100% technische Freiheit hätte, was geschieht dann? Er kann sich ganz auf die grafischen, kompositorischen und inhaltlichen Aspekte konzentrieren. Ich probiere diesen Ansatz auch anzunehmen und die Fototechnik somit mehr und mehr nur Mittel zum Zweck werden zu lassen. Solange wir nämlich technikorientiert konzeptionalisieren, schränken wir die gestalterische Vielfalt unserer Arbeit ein. “Ich mach heute ein geiles Low-Key Bild” ist z.B. entweder ein sehr schwaches Konzept oder sogar gar keines.

    Ein Problem gibts natürlich. Eine hohe Messlatte bedeutet halt auch, mehr Frust und Zweifel an den eigenen Fertigkeiten. Aber genau genommen lernen wir ja halt nur dann dazu, wenn uns unser aktuelles Projekt richtig herausfordert und (auch wichtig), wenn wir bereit sind Fehler zu machen und die Ziele mal (noch) nicht zu erreichen.

    Mir selber hilft es aber auch, Bildmaterial geordnet zu sammeln. Zur Zeit ist mein Ordnungsschema recht einfach. Ich habe 6 Ordner mit Qualitätskriterien wie “Farbe/Textur, Komposition, Licht/Separation, Perspektive, Story(!)” in welche ich relevante Bilder reinkopiere. Aber noch sinnvoller wärs eigentlich, zu jedem Bild was man stark findet, ein paar Stichwort-Notizen dazu zu machen.

    So eine Datenbank muss man aber ganz bewusst alle paar Jahre neu aufbauen, unsere kritische Wahrnehmung ändert sich relativ schnell und stark. Du hast das in deinem Artikel ebenfalls erwähnt (“ehemalige Vorbilder”).

  4. Karsten Wusthoff
    Karsten Wusthoff sagt:

    Hoppla… danke für den Hinweis, die doppelte Emily ist dann wieder raus 😉

    Gilt natürlich nicht nur für FB, sondern quasi für alles, was man so konsumiert: Bücher, Zeitschriften, Videos etc. FB ist halt bei vielen DER Kanal, wo sie sich mit Zeugs beballern lassen 🙂

  5. Friedrich sagt:

    Emily Solo gefällt dir so gut, dass sie zweimal in der Liste ist.

    Danke für die Gedanken. Werde versuchen sie teilweise umzusetzen. Nur um FB eine Chance bei mir zu geben um es nicht zu beenden.

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