Herzlich Willkommen, liebe Leserinnen und Leser, zum ersten Teil der dreiteiligen Artikelreihe über Storytelling in der Fotografie.

Diese Artikelreihe basiert auf einer englischen Fassung, welche ich vor zwei Jahren für die amerikanische Retouching Academy und später das Online-Magazin [RE]TOUCH geschrieben habe und richtet sich an Fotografen all jener Bereiche, die als wichtigen (wenn nicht wichtigsten) Bildinhalt den Menschen zeigen: Konzeptionelle Fotografie, Portraitfotografie, Fine Art, Editorial, Mode, Werbung und Livestyle.

Die meisten Beiträge auf RawEx beschäftigen sich mit der Frage “wie” etwas fotografiert, beleuchtet oder nachbearbeitet werden kann. Wir werden uns aber in den nächsten drei Artikeln mit dem “was” beschäftigen, nämlich dem Thema der Bildkonzeption und noch genauer: Geschichten als Basis eines Bildkonzeptes. Was ich genau meine mit Geschichten und welche Möglichkeiten sie uns eröffnen, werde ich Euch im Folgenden zeigen und in den weiteren Artikeln folgen dann vertiefte Methoden, um Geschichten zu entwickeln und für das Medium der Fotografie aufzubereiten.

Was kommt Dir beim Wort Geschichte als Erstes in den Sinn? Dein Lieblingsbuch vielleicht? Oder vielleicht warst Du als Kind in der glücklichen Lage, dass Dir Deine Eltern am Bettrand ab und zu eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt haben? Oder vielleicht ist’s die Story zu Deinem Lieblingsfilm. Was es auch immer ist, die eigentliche Bedeutung des Wortes hat erstaunlicherweise wenig mit dem zu tun was in der Fotografie unter Storytelling verstanden wird. Wenn die Modefotografen von Story reden, dann gilt der Begriff zusammengefasst für einen Reihe unterschiedlicher Bildqualitäten: Bildstimmung, Farbkonzeption, Look. Diese Verwässerung eines Begriffes führt in letzter Zeit immer wieder zu Kritik innerhalb der Branche. Der österreichische Designer Stefan Sagmeister bringt das Problem in seinem Video “You are not a storyteller” sehr treffend auf den Punkt.

Mir geht’s allerdings weniger um das Wort Storytelling, sondern darum, dass wir uns als Fotografen gar nicht bewusst sind, was für riesiges kreatives Potential Geschichten unseren Bilder bringen könnten.

Ich arbeite seit etwa fünf Jahren daran, konzeptionell mit meinen Bildern einen Weg zurück zu Geschichten zu finden. Der Grund dafür liegt in meiner eigenen Kindheit. Sobald ich schreiben konnte, habe ich angefangen Geschichten zu erschaffen. In Textform, als Comics und Zeichnungen, als Hörspiele auf Tonband und natürlich spielend mit meinen Freunden. Im Verlaufe meiner Jugend- und Erwachsenenjahre hat sich an meiner Liebe zu Geschichten nichts geändert, lediglich meine Art und Weise sie zu erzählen.

Paparazzi im Zeitalter vor der Kamera
Paparazzi im Zeitalter vor der Kameran (Obsoquasi, 2015)

Wieso Geschichten?

Wieso braucht es denn eigentlich Geschichten in der Fotografie? Das Endresultat ist ja schliesslich eine fotografische Momentaufnahme. Eine Geschichte hingegen ist weit mehr als ein Moment, sie ist eine Kette von Ereignissen! Genau genommen kann ein Foto also gar keine Geschichte sein, möchte man meinen. Dass das nicht so ist möchte ich Euch in dieser Serie beweisen. Speziell im zweiten Teil werden wir Methoden diskutieren, mit welchen sich Geschichten verdichten lassen – von der Sequenz zum Moment.

Nun, dass es möglich ist, heisst noch nicht, dass es auch sinnvoll ist, dass Bilder auf Geschichten beruhen. Sind wir nicht tagtäglich von Bildern umgeben, welche ganz ohne Geschichten auskommen und trotzdem gut ausschauen? Doch, absolut. Aber es ist eben eine Frage, was man mit den Bildern beim Betrachter erreichen möchte. Ich möchte eine Analogie zu Restaurants ziehen. Manche Bilder sind wie Fastfood, sie werden schnell konsumiert, erfüllen ihren Zweck und werden ebenso schnell wieder vergessen. Wenn wir als Künstler uns zum Ziel setzen, dem Betrachter nicht bloss Hamburger und Pommes zu servieren, sondern eine Mahlzeit, an die er sich auch Tage später noch gerne zurück erinnert, dann lohnt es sich, sich mit der Kunst des Erzählens zu befassen. Nicht alle Bilder brauchen eine Geschichte. Aber diejenigen die eine haben, berühren den Betrachter tiefer und bleiben ihm somit länger im Gedächtnis.

Fangen wir doch einfach mal an mit einem kleinen Selbstversuch. Denk einmal zurück an ein Bild dass Du in den letzten Monaten gesehen hast, welches Dir so gut gefallen hat, dass es Dir einfach nicht aus dem Kopf will. Wieso hat es dieses eine Bild geschafft, sich dermassen in Deinem Kopf zu festzusetzen? Die Gründe dafür sind sicherlich von Person zu Person unterschiedlich. Trotzdem bin ich sicher, dass zumindest einige der folgenden Punkte auch für Dein Bild zutreffen:

Ein Foto bleibt in meinem Gedächtnis, …

  • weil es mich emotional berührt – z.B. nachdenklich stimmt oder zum Lachen bringt.
  • weil ich jedes mal, wenn ich das Bild ansehe, wieder etwas Neues darin entdecke.
  • weil es auf vielen Ebenen meisterhaft gestaltet ist, in den kleinen Details, wie auch im ganz Grossen; im Versteckten (Symbolischen), wie auch im Offenkundigen.
  • weil es in mir etwas in Bewegung setzt – wie eine Domino-Kette, von welcher das Bild den ersten Stein anstösst.
  • weil es mir die Welt auf eine Weise zeigt, die mich Schönheit neu erleben lehrt.
  • weil ich mich mit dem Menschen im Bild identifizieren kann und mich über Aspekte der Menschlichkeit nachdenken lässt.
  • weil es originell ist und mich inspiriert.

Kurzum, das Bild hat es also geschafft, eine Bindung zu Dir herzustellen. Ein gutes Buch oder ein guter Film schaffen es ebenso, eine emotionale Bindung zwischen dem Konsumenten und dem Protagonisten herzustellen. Wir folgen seinen Gedanken, wir gehen mit und wir fühlen mit. Wenn Filmemacher dies mit ihren Filmen erreichen und Autoren mit ihren Büchern, dann können wir das auch mit unseren Bildern!

Das dies nicht ein Hirngespinst ist, zeigt ein Blick über den Tellerrand. Künstler verwandter visueller Medien, wie Digital Painters, Concept Artists oder 3D-Künstler haben die Kraft der Geschichten von Anfang an verstanden. Sie entwerfen ihre Bilder bewusst ganz gezielt um eine Geschichte herum. Wir können hier also sehr viel von unseren nahen Berufskollegen lernen – Bildgestaltung vom Concept Artist, Storyfluss vom Filmregisseur und Geschichtsaufbau vom Buchautoren und Comiczeichner.

"How to Build a Ship In A Bottle" (Obsoquasi, 2013)
“How to Build a Ship In A Bottle” (Obsoquasi, 2013)

Die Kunst des Geschichtenerzählens

Um zu verstehen, wie wir Geschichten in unsere Bilder einfliessen lassen können, müssen wir uns zuerst bewusst werden, woraus eine Geschichte überhaupt besteht. Wir fangen mit einem Blick in die Struktur von fiktiven Geschichten an, gefolgt von nicht-fiktiven Geschichten, welche ganz andere Herausforderungen mit sich bringen.

Der Amerikaner Joseph Campbell hat 1949 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel “The Hero with a Thousand Faces” (deutscher Buchtitel: Der Heros in tausend Gestalten), was von vielen als “das wahrscheinlich einflussreichste Buch des 20. Jahrhunderts” gerühmt wurde. Es vergleicht die Mythen der Antike, Märchen und Volkserzählungen und extrahiert daraus gewissermassen ein Ur-Schema jeder Heldengeschichte. Es geht dabei um den Weg, den der Held zurücklegt, seine Charakterentwicklung, seine emotionale Veränderung, sein Scheitern und sein Sieg. Und wir als Leser begleiten den Helden ständig auf der Reise, sein Sieg ist zugleich auch unser Sieg. Das ist es, was die Erzählung so packend macht für uns.

Wer sich mit Geschichten beschäftigt, muss aber nicht zwingend in der antiken Schatzkiste wühlen gehen. Denn jeder Mensch lebt auch seine eigenen Geschichten. Eine meiner Lieblings-Projektformen ist die Zusammenarbeit mit einem anderen Menschen und dessen Lebensgeschichte. Ich werde im dritten Teil dieser Artikelserie diesen Arbeitsprozess nochmals genauer durchleuchten. Es geht darum, den anderen Menschen kennenzulernen, seine Geschichten zu hören und gemeinsam ein Konzept zu entwickeln, welches auf symbolische Weise solch eine Geschichte erzählt. Eines dieser Projekte ist “Seamstress of her own Destiny” (Näherin ihres eigenen Schicksals), wessen Geschichte wir uns nun anschauen werden.

Seamstress Of Her Own Destiny (John Flury, obsoquasi.ch)
Seamstress of her own destiny (Obsoquasi, 2013)

“Seamstress of her own destiny” – Ein Beispielprojekt

Die Basisidee “Frau näht sich selber” hatte ich ein ganzes Jahr vor dem fertigen Bild. In meiner ursprünglichen Idee, war es aber eine alte Frau, die ihr jüngeres Selbst näht. Eine Geschichte vom Altwerden, Erinnerungen und Sehnsucht. Dann aber kontaktierte mich Daniela. Wir kannten uns aus der Flamencoszene Zürich, wo meine Freundin mittanzt und ich gelegentlich Perkussion spiele. Daniela ist selber eine talentierte Tänzerin und Malerin und war sehr interessiert, mit mir ein Projekt zu machen. Ich konnte sie dafür gewinnen, ein Projekt über ihre eigene Geschichte zu machen. Wir haben uns getroffen und uns einfach mal etwas besser kennengelernt. Ein gutes Vertrauensverhältnis ist bei solchen Projekten unabdingbar, denn ich möchte nicht die Maske einer Person portraitieren, sondern ihre eigene wahre Geschichte. Daniela’s Geschichte war klar dominiert von ihrem Kampf, es als Tänzerin zu schaffen. Ein sehr spannender Ansatz um eine Handlungsabfolge zu entwickeln.

Früher Bildentwurf
Früher Bildentwurf

Da kam mir also die Nähmaschinen-Idee wieder in den Sinn, welche sich auch sehr gut für Daniela’s Geschichte adaptieren lässt. Nach einer intensiven Recherche bin ich auf das Nähmaschinen-Museum in Rüti bei Zürich gestossen, welches von zwei Herren betrieben wird. Beide haben ein sehr gutes Gespür für das Ästhetische und waren begeistert von meiner Idee. Eine Skizze der Idee hat dabei erheblich geholfen, meine Idee schnell und deutlich zu übermitteln. Eigentlich wollte ich nur eine Nähmaschine mieten, aber sie brachten mich auf die Idee im Museum nach einem Ort zu suchen, wo wir das Bild fotografieren könnten. Ich hatte also wahnsinniges Glück, nicht nur die perfekten Requisiten gefunden zu haben, sondern auch noch einen Ort, an dem wir das Shooting durchführen konnten.

Zwei Wochen vor dem Shooting besuchte ich also das Museum und die Ecke im Dachstock war schlicht perfekt. Es mussten lediglich einige Möbel beiseite geräumt werden. Mit den Bildern vom Scouting zeichnete ich in Photoshop weitere Skizzen. Beim Zeichnen nahm die Geschichte plötzlich richtig Form an – das Grammofon z.B. welches ausschaut wie ein Lautsprecher aus dem es donnert “Beeil dich! Mach’s besser!”. Der sich konkretisierenden Geschichte folgend, war plötzlich auch klar, wo genau die Lichtquellen sein müssen. Die beiden Herren waren sogar so grosszügig, mir für die Dauer des Shoots eine Lampe in den Deckenbalken zu schrauben. Was für ein Glücksfall!

1-zone-lighting-for-the-woman-on-the-table

Eine Randbemerkung zum Licht: Wir sehen im Bild zwar zwei Lichtquellen (Fenster und Lampe), aber technisch gesehen ist es nicht ihr Eigenlicht, was die Szene ausleuchtet! Das Licht welches auf das Modell fällt, den Nähtisch und alle feinen Details im Raum, wurde sorgfältig konstruiert durch gezieltes Ausleuchten in einem Mehrfachbeleuchtungs-Verfahren. Ich nenne diesen Prozess “Zone Lighting”. Man teilt hierbei die Szene in Zonen auf und beleuchtet jede Zone sorgfältig einzeln. Für jedes Foto dieses Verfahrens ist es wichtig, dass alles innerhalb der Zone, auf die man sich gerade konzentriert, stimmt. Ausserhalb dieser Zone dürfen Lichtequipment oder z.B. Personen stehen, sie werden in der Nachbearbeitung einfach ausmaskiert.

4-zone-lighting-the-gramophone

Eine der ganz wichtigen Lektionen, die ich bei diesem Projekt gelernt habe ist die folgende: wenn die Geschichte stark genug ist, dann wird alles viel einfacher! Entwicklung, Planung, Vorbereitung, technische Umsetzung und Nachbearbeitung. Denn nun hat das Projekt eine ganz klare Stossrichtung, was alle kleinen und grossen Entscheidungen erheblich erleichtert! Wichtig ist, dass man sich immer wieder an der Geschichte orientiert. Ein Beispiel wäre hier z.B. die Haare der Näherin. Sicherlich sieht das schon auch sehr cool aus, wenn die Haare mit einem Blitz festgefroren werden in der Luft. Aber ich wäre wahrscheinlich nicht drauf gekommen, wenn nicht die Geschichte eine Person beschreibt, die wild nähend am Tisch sitzt – ganz im Gegenteil zur ruhigen, fast schwebenden Vision ihrer selbst am Boden. Eine funktionierende Geschichte ist wie ein Puzzle, in dem plötzlich alle Teile zusammenpassen. Das sind dann die Momente in einem Projekt, wo ich fast nicht mehr schlafen kann, bis ich endlich alles beisammen habe und es fotografieren darf. Und diese Momente sind es, wieso ich meine Arbeit so liebe.

Letzte Skizze vor dem Shooting
Letzte Skizze vor dem Shooting

Falls Ihr mehr erfahren möchtet, über den technischen Ablauf, insbesondere die Beleuchtungstechnik “Zone Lighting”, dann verweise ich Euch auf meine Webpage, wo Ihr in englischer Sprache ein umfangreiches Tutorial findet.

Wir sehen uns im Teil 2 dann wieder mit vielen nützlichen Tipps und Tricks zur Entwicklung und Aufbereitung von Geschichten für Eure Bilder.

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