Willkommen zum dritten Teil der Artikelserie über visuelles Storytelling. Nachdem wir uns das letzte Mal ausschliesslich dem konzeptionellen Teil gewidmet haben, geht es heute um den Vorbereitungsprozess, die sogenannte Pre-Production. Auch diesen Artikel darf man auf keinen Fall als Bauplan betrachten, den es strikt zu befolgen gilt! Einmal mehr geht es mir hier darum, Dein Repertoire an Techniken und Möglichkeiten zu ergänzen und Dich auf Probleme und Lösungsansätze aufmerksam zu machen.

Sicherlich hast Du es bereits gemerkt: Ein Storytelling-Projekt mit Tiefe wird schnell ziemlich aufwändig. Einfach ein Model im Studio nach Lust und Laune shooten und dann in einen Stockfotohintergrund pflanzen kann ja nicht zum gleichen Ergebnis führen. In der konzeptionellen Fotografie ist wenig dem Zufall überlassen. Jedes einzelne Bildelement ist darauf ausgerichtet, die Geschichte zu verstärken.

Das kann auch zur Gefahr werden! Wer nämlich zu viel Zeit in die Vorbereitung investiert und sich völlig in den Details verliert bekommt den “Röhrenblick”. Er ist so auf seine Vision fixiert, dass er sich während der eigentlich Produktion Chancen entgehen lässt: zufällige Requisiten, Lichtsituationen mit denen man nicht gerechnet hat, eine interessante Pose in welche das Modell zufällig fällt, während es sich zwischen den Aufnahmen entspannt.

Die richtige Balance zwischen guter Vorbereitung und Offenheit am Set zu finden ist gar nicht so einfach. Was für mich funktioniert, funktioniert möglicherweise für Dich nicht so gut. Deshalb schauen wir uns nun diverse Workflow-Varianten an und Du kannst für Dich entscheiden, welcher davon für Dich besser funktioniert.

Pre-Production Workflow-Varianten

Eine Pre-Production besteht üblicherweise aus folgenden Schritten:

  • Idee: Deine Vision, Basis-Konzept, Ansatz für ein interessantes Bild, evtl. erste Skizze
  • Entwicklung: Verfeinerungsprozess des Konzeptes, Skizzen, Variantenvergleiche, Recherche
  • Casting: Die Suche nach dem passenden Model
  • Location: Die Suche nach der passenden Location

Okay, das wär’s also. Idee -> Entwicklung -> Casting -> Location. Workflow fertig, dann mal an die Arbeit. Haaaaalt, nicht so schnell!! Tatsächlich ist es so, dass die meisten Fotografen nur diesen Workflow kennen. Was ich Dir aber als nächstes zeigen werde wird Dich umwerfen, versprochen! Wenn wir diesen Workflow mal auf den Kopf stellen, ergeben sich daraus Möglichkeiten, die sowohl inspirierend auf Dich wirken werden, als auch einzigartige Bilder ermöglichen. Folgende sechs Varianten werden wir uns anschauen:

  • IECL Workflow – der gute alte Standard  (Idee -> Entwicklung -> Casting und Location)
  • ICEL Worfklow – die kollaborative Variante mit deiner Idee (Idee -> Casting und Entwicklung -> Location)
  • ILCE Workflow – die vorsichtige Variante (Idee – > Location – > Casting und Entwicklung)
  • CILE Worflow – die Lebensgeschichten-Variante (Casting – Idee – Location – Entwicklung)
  • LICE Workflow – location-basierte Inspiration und Konzeption (Location -> Idee -> Casting und Entwicklung)
  • ILC Workflow – die waghalsige Variante mit einem starken Team (Idee – Location & Casting)

Ich möchte nochmals betonen, dass das Ziel dieser Workflows nicht einfach ist, ein hübsches Foto zu machen. Das Ziel ist ein durchdachtes, originelles und bewegendes Kunstwerk. Schönheit hat zwei Facetten, eine äussere und eine innere. Es liegt an uns beiden Facetten gleichen Wert beizumessen – insbesondere in einer Welt, in der Oberflächlichkeit dominiert…

iecl

IECL – der gute alte Standard

Dieser Workflow eignet sich wunderbar für einfache Konzepte, welche sich an relativ unspektakulären Locations durchführen lassen. Du wählst diese Variante wenn Du glaubst, für die Idee einfach ein Modell und eine Location zu finden. Viele Fotografen kennen nur diesen Workflow. Dies ist bestimmt kein schlechter Workflow, aber er hat seine Einschränkungen. Welche das sind, zeige ich Dir in den nachfolgenden Varianten.

Das Beispielbild hierzu ist eine Idee, welche ich an einem Sonntagabend innerhalb von 30 Min. zusammen mit meinem Bruder im Studio umgesetzt habe. Es hätte wahrscheinlich nicht mein Bruder sein müssen und es hätte auch nicht mein Studio sein müssen. Die Idee war aber so klar und einfach, dass es nicht mehr Aufwand brauchte. Ich wünschte mir, dass mehr meiner Ideen so einfach umzusetzen sind…

Sunday Evening Drill, Obsoquasi
Sunday Evening Drill, Obsoquasi

icel

ICEL – die kollaborative Variante

Dieser Workflow eignet sich sehr gut bei folgender Prämisse: “Ich habe eine vage Idee für ein Bild und wüsste die perfekte Person, die ich dafür gerne fotografieren würde!”. Du probierst die Person (einfachheitshalber das Model genannt) dafür zu gewinnen. Wenn Deine Idee spannend ist und gut zum Model passt, dann ist die Chance gross, dass er/sie gerne mitmacht. Denn was Dein Projekt besonders attraktiv macht, ist die Tatsache, dass das Model ab diesem Zeitpunkt mitentwickeln darf und eigene Ideen mit einbringen kann. Jeder Mensch ist kreativ, wenn man ihm die Chance dazu gibt!

Eines meiner Lieblings-ICEL Projekte war und ist “Provincial Uprising”. Meine ursprüngliche Idee “ein Kleid aus Händen” war perfekt für das Model mit dem ich bereits in der Vergangenheit gearbeitet hatte. Sie ist Physiotherapeutin und Künstlerin (Malerin) und arbeitet somit viel mit ihren eigenen Händen. Sie war begeistert von der Idee und schlug vor, dass wir etwas dramatisches, leicht krasses zusammen umsetzen. Die gemeinsame Entwicklung war also eine enge Kollaboration.


ilce

ILCE – die vorsichtige Variante

Der gute alte Standard IECL, welchen wir zuallererst angeschaut haben, hat mich schon etliche Male in die Sackgasse geführt. Nämlich dann, wenn die Idee soweit ausgebaut ist, dass ich eine ganz spezifische Location suchte mit einem ganz spezifischen Modell – aber einfach nicht beides finden konnte! Seit 2 Jahren z.B. bin ich auf der Suche nach einem Seeufer, welches die genau richtige Krümmung hat und eine Halbinsel im Hintergrund mit einigen Bäumen drauf – einfach die perfekte Location für eine Idee mit einer zwei Meter grossen Flaschenpost. ILCE hingegen priorisiert anders. Anstelle eine Idee ins Detail auszuarbeiten, hast du nur eine vage Idee und suchst zuerst nach potentiellen Locations (und Models). Erst wenn Du eine spannende Location hast arbeitest Du Deine Idee aus. Hat Deine Location ein interessantes Fenster oder Möbelstück, dann lässt Du dieses Teil des Konzeptes werden. Falls du nicht ganz so fit bist im Zeichnen, kannst Du die Entwicklungs-Skizzen sogar direkt in Photoshop auf einer Ebene übers Foto malen, welches Du beim Locationscouting gemacht hast.

Ich möchte die ILCE Variante mit einem Beispielbild veranschaulichen, welches “Le Passe-Muraille” (französisch für “Der Mann, der durch Mauern gehen kann”) heisst und eine Kollaboration mit dem jungen Genfer Fotografen Christoph McLaren ist – mit uns beiden als Modellen. Ich wäre dann also der leicht untersetzte, wütende Kerl im Hintergrund :). Wir hatten eine ungefähre Vorstellung, was wir für die Idee brauchen, eine schöne Mauer mit einem Durchgang oder einer Tür auf der einen Seite. Fündig wurden wir in Bern, was etwa auf halbem Weg zwischen mir und Christoph’s Wohnort liegt. Dieser Ort hatte eine unglaublichen eigenen Charme und wir haben unser Beleuchtungskonzept nochmals völlig neu entworfen danach, um ihm gerecht zu werden.

Le Passe-Muraille, Obsoquasi & Christoph McLaren
Le Passe-Muraille, Obsoquasi & Christoph McLaren

cile

CILE – die Lebensgeschichten-Variante

Dieser Workflow ist der absolute Hammer und ich bekomme Gänsehaut, wenn ich dran denke! Das Leben eines jeden Menschen ist ein Buch voll von spannenden Geschichten. Dieser Workflow geht also vom Individuum aus, seinem Leben, seinen Träumen, seinen Visionen und auch seinen Ängsten. Deshalb ist auch ein hohes Mass an Vertrauen und Vertraulichkeit nötig für CILE Projekte. Hüte das Dir entgegengebrachte Vertrauen wie ein Schatz und bringe dem Menschen, der Dir seine Lebensgeschichten offenbart grösstmöglichen Respekt entgegen! Entscheidet gemeinsam, auf welche Aspekte des Lebens und Wesens der Person (des Models!) Ihr Euch konzentrieren möchtet. Lass unbedingt das Model auch Vorschläge machen und dränge es nicht zu etwas was es nicht will. Denn dies ist seine Geschichte und sein Lebensweg und Du bist davon nur ein Passant. Insbesondere bei schwierigen Themen kann es sich lohnen sich nicht auf die Dunkelheit zu konzentrieren, sondern auch das Licht am Ende des Tunnels zu zeigen. Quasi eine hoffnungsvolle Zukunftsvision oder eine Kraftquelle, die es der Person ermöglicht nach vorne zu blicken. Du merkst schon, wir sind hier beinahe im Bereich des Psychotherapeutischen. Das muss aber keinenfalls so sein! Auch Passionen, Träume und Stärken einer Person bieten eine wunderbare Basis für eine Bildgeschichte.

Im Beispielbild zu CILE sehen wir die Geschichte einer Frau, welche ich seit acht Jahren kenne und den grösstmöglichen menschlichen Respekt habe. Raquel ist eine in Andalusien lebende Flamenco-Tänzerin. In jungen Jahren hätte sie aufgrund ihres grossen Talentes die Möglichkeit gehabt mit einer Tanzkompanie um die ganze Welt zu ziehen und eine grosse Karriere als Tänzerin zu machen. Sie ging aber zurück in ihre Geburtsstadt und eröffnete ein Musiktheater. Ihre Begründung: sie wollte den Leuten ihrer Stadt einen Ort geben, an dem sie Flamenco-Kultur erleben können und für ein paar Stunden ihren Alltag vergessen. Ein wahrlich edles Vorhaben. 10 Jahre später, Spanien ist in einer tiefen ökonomischen Krise, die Haushaltskassen sind leer, viele Menschen leben auf der Strasse. An manchen Veranstaltungen muss Raquel die Konzerte kurzfristig absagen, weil einfach zuwenig Leute kommen. Sie behilft sich mit Tanzstundenunterricht, welche aber auch immer schlechter besucht werden. Und trotz dieser prekären Lage, die nun seit einigen Jahren anhält, würde es Raquel nicht einfallen die Türen ihres Locals zu schliessen. Denn wenn sie dies tun würde, könnte man in ihrem Städtchen nirgends mehr Flamenco-Kultur erleben. Letztes Jahr, als ich wieder in Spanien war und mit ihr gesprochen habe, wurde mir klar, welches Bild zu Raquel passen würde und sie war begeistert davon. Zwei Tage später haben wir alles fotografiert. Eigentlich wollten wir Raquel in einem ihrer Kleider fotografieren, wir wussten aber nicht welches – also habe ich ein paar Probefotos geschossen. Und dieses eine Foto hier hat einfach so viel mehr erzählt, als alle anderen: Ihr verträumter Blick in den Hintergrund, ihre Liebe zum Lokal, obwohl sie sich manchmal sehr klein und verlassen fühlt darin.

Raquel, Obsoquasi (mit Raquel Villegas-Gomez)
Raquel, Obsoquasi (mit Raquel Villegas-Gomez)

lice

LICE – Location-basierte Inspiration und Konzeption

Den LICE Workflow habe ich eigenartigerweise erst letztes Jahr konsequent umgesetzt. Der Grundgedanke hierzu ist ganz einfach. Gehe solange an einen Ort und beobachte ihn, bis er Dir seine Geschichte offenbart. Was meine ich damit? Nun, wenn Du Dich an einem Ort befindest, der einfach danach schreit, dort ein Fotoprojekt zu machen, aber du weisst noch nicht was… Dann ist die intuitive Reaktion entweder nach Hause gehen und sich den Kopf darüber zerbrechen, was man dort inszenieren möchte. Oder – wenn man auf keine gute Idee kommt – aufzugeben und den Ort wieder zu vergessen. Es geht aber auch anders.! Denn wenn Du immer wieder an diesen Ort zurückkehrst, den Bildausschnitt variierst, das Licht beobachtest, wie es im Verlauf des Tages über die Wände wandert, wenn du den Linien und Kurven folgst, welche Dich durch die Szenerie führen, dann wird Dein Auge immer wieder zu den gleichen Orten im Bild zurückkehren. Diese Hotspots werden in Deinem zukünftigen Bild die Hauptorte der Handlung sein. Stelle in Gedanken Personen an jene Orte und überlege Dir, was diese Personen dort wohl machen. Stehen sie alleine da oder interagieren sie mit anderen Personen an anderen Hotspots? Langsam wird Dich dies zur Geschichte führen.

Bereits im letzten Artikel haben wir das Bild “Separation” kennengelernt, welches genau so entstanden ist. Vor zwei Jahren habe ich diesen Flecken entdeckt und bin seither sechsmal dahin zurückgekehrt. Hätte ich den LICE Prozess schon gekannt, wäre alles viel schneller gegangen. Stattdessen habe ich krampfhaft versucht, eine Geschichte in diesen Ort zu quetschen – erfolglos natürlich.

Separation_Locationstudie_JFlury
Location-Studie (links) und finales Bild “Separation” (J. Flury, 2015)

ilc

ILC – die waghalsige Variante mit einem starken Team

Ich ging lange davon aus, dass Aufwand und Ertrag eines Fotoprojektes in Relation zueinander stehen. Je mehr Vorbereitungsarbeit ich hineinstecke, desto besser das Bildergebnis. Das ist im Allgemeinen auch so. Aber der norwegische Kunst- und Modefotograf Erik Almas (Facebook Seite) brachte mich auf eine andere Variante.

Seine Vorbereitungszeit für ein Projekt ist ein Bruchteil dessen was ich investiere. Trotzdem sind seine Bilder tiefgreifend und stark, sie sind grafische und kompositorische Meisterleistungen. Wie kann das sein?!

Nun, seine Geheimwaffe ist sein Team. Zwei Top-Stylisten die bei jedem Shoot dabei sind und mit denen er seit 10 Jahren zusammenarbeitet. Team-Mitglieder die nicht einfach daneben stehen und Däumchen drehen, sondern ständig bei ihm sind und mitschauen und mitdenken.
Erik sagt selber “there is no ego in this, I’m always open to suggestions” – frei übersetzt: “Es geht mir nicht um mein Ego, ich bin immer offen für Vorschläge.” Dazu kommt ein Team aus 2-3 technischen Assistenten, welche das Licht ständig im Auge behalten. Sie sind darum bemüht, dass Erik soviel Ruhe wie möglich hat und mit seiner Wahrnehmung ganz beim Bild sein kann, um sich davon ständig inspirieren und leiten zu lassen. Er produziert also seine Bilder ähnlich wie Filmregisseure und stützt sich dabei ganz auf ein starkes Team, bei dem er allerdings im Konfliktfall das letzte Wort hat. Die Resultate sprechen für sich!

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2 Idee über “Visuelles Storytelling Teil 3: Workflows von der Idee zum fertigen Bild

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